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Jean Sibelius

Song Of The Earth

Dominante Chor, Lahti Sinfonieorchester, Osmo Vänskä

BIS/Klassik Center 1365
(61 Min., 1/2004, 8/2004) 1 CD

Einmal die Werkstatt von Jean Sibelius ausgefegt und eingespielt, was dabei zum Vorschein kam? Nun ja, ein bisschen schon: Die zwei Choräle für Chor und Orchester beispielsweise, die Sibelius als 24-jähriger Kompositionsstudent in Berlin verfasste - sie klingen wie Auszüge aus Bach-Motetten, begleitet von einem romantischen Sinfonieorchester -, hätten getrost weiter in der Schublade schlummern können: Sie sind vor allem für den Sibelius-Sammler von Bedeutung. Und dieses "Lied von der Erde", geschaffen 1919 zur Eröffnung der schwedischen Universität in Turku nach pathosgeladenen, naturpoetischen Ergüssen des Dichters Jarl Hemmer, musikalisch ebenso eigenwillig wie jene politische Schlüssel-Kantate "Die gefangene Königin", die äußerlich wie eine Chorballade nach einer alten Sage daherkommt: Immer begleitet ein gewaltiger sinfonischer Apparat einen streckenweise ausgesprochen simplen Chorpart, oft im Unisono von Männer und Frauen, stets nur auf effektive Textdeklamation hin angelegt. Entsprechend vordergründig die musikalischen Mittel, die zum Einsatz kommen: Bläsercrescendi, Paukendonner, dann wieder liebliche Flötenklänge, ehe in elegische Streicherklänge hinein das erste dumpfe Grollen der Pauken eine neue Steigerungswelle ankündigt. Motivisch und harmonisch herrscht weitgehend funktionale Konventionalität: Eingängige Melodien und Quintfallsequenzen.
Und dennoch präsentiert sich Sibelius in diesen Werken - übrigens erschien 2003 bei Virgin/EMI schon einmal eine Einspielung von Sibelius-Kanataten, die nur in einem Punkt mit der vorliegenden deckungsgleich ist - als genialer Stimmungs-Macher, als Virtuose beim Erzeugen erhebender Gefühle. Man hat diese Musik zu betrachten vor dem Hintergrund des Kampfes der Finnen um ihre Unabhängigkeit: Viele der Chorwerke Sibelius’ berühren auf die eine oder andere Weise dieses Thema, versuchen, mittels Naturbildern oder alten Sagen das geschundene finnische Selbstbewusstsein anzusprechen. Die musikalische Sprache, die Sibelius hierfür fand, berührt einen dann doch ganz eigenartig: Man spürt große Sehnsucht, Aufbruchstimmung, aufflammenden Nationalstolz. Zeitgeschichtlich hochinteressant, handwerklich überaus geschickt und zweckmäßig gemacht: Wen solche Parameter ansprechen, der sollte an dieser CD nicht vorbeigehen.

Michael Wersin, 07.01.2006



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