Responsive image
Ludwig van Beethoven

Die fünf Klavierkonzerte

Alfred Brendel, Wiener Philharmoniker, Simon Rattle

Philips 462 781-2
(12/1997 - 12/1998) 3 CDs

Wenn sich Alfred Brendel zu einer dritten Gesamteinspielung aller Beethoven-Konzerte entschließt, dann wird er etwas zu sagen haben. Die unerhörte Schönheit des Orchesterklangs - besonders die Holzbläser können Steine erweichen - nimmt man bei den Wiener Philharmonikern fast selbstverständlich entgegen.
Die Aufnahme strahlt zunächst eine nicht gerade revolutionäre Kultiviertheit aus. Rattle gibt im Ersten Konzert den schelmischen, flotten Musikanten - mehr Lebendigkeit und Kontrastreichtum ist aus der Orchesterexposition nicht zu holen. Und Brendel? Er scheint sich dem robusten, sattklingenden Zugriff auf das problemlose Werk erst einmal anzuschließen. Doch in der Durchführung wird die Wundertüte geöffnet, da zelebrieren Brendel und Rattle ein unerhört zartes Verdämmern und höhlen den strukturellen Prozess gespenstisch aus. Diese kräftigen Passagen so delikat und zögerlich, ja stockend im Metrum auszukosten, in denen Beethoven doch Energien gewinnt aus seiner Themenaufspaltung, das ist von raffiniert-spätlingshafter Subversivität.
Genauso geht’s im Dritten Konzert: Wie Brendel und Rattle da nach rüstigem, fast hinterlistig konventionellem Beginn die Durchführung zu einem antidramatischen, murmelnd-kreisenden Kosmos beruhigen, das offenbart eine unwiderstehlich morbide Skepsis, die Nein sagt zu Kraft, Kampf und Muskelspiel. Ein weiser, leicht resignativer Humor ist da am Werk. Auch verborgene Unruhe: Nicht zehn Takte vergehen im Kopfsatz des Vierten, ohne dass man nervös aus dem Metrum fällt. In den langsamen Sätzen blüht eine fragile Gesanglichkeit auf, die selbst in Brendels Kunst eine Ausnahme ist, deren Versunkenheit die Konflikte hinter sich hat. Der Dialog im Andante des Vierten Konzerts findet nicht statt: Rattle poltert, aber Brendel hält einen stockenden, überzarten, fahlen Monolog nebenher. Je gründlicher man hineinhört, desto mehr hat uns Brendel zu sagen.

Matthias Kornemann, 20.02.1999



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Wenn ein zeitgenössischer Komponist kommerziell erfolgreich ist, wird er oft misstrauisch beäugt. Wenn seine Musik auch noch für Laien interpretierbar ist, umso mehr. Eric Whitacre zum Beispiel: 1980 im amerikanische Nevada geboren, charismatisch, Chor-Guru. Er mobilisiert Massen mit seinen selbstkomponierten Liedern und wird in den USA als Komponist und Dirigent begeistert gefeiert, hat die dortigen Klassik-Charts schon früh erobert. Doch seine Chorsätze sind: einfach gut. Und greifen auf […] mehr »


Top