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Richard Strauss

Lieder

Konrad Jarnot, Helmut Deutsch

Oehms Classics/Codaex OC 518
(56 Min., 1/2005) 1 CD

Wirklich Weltbewegendes hat sich auf dem Gebiet der Strauss-Lied-Interpretation nicht getan seit Hermann Preys sternstundenhaft brillanter Einspielung von zwanzig Gesängen im Jahre 1972 (mit Wolfgang Sawallisch). Nun tritt mit diesem heiklen Repertoire ein junger Bariton hervor, der das nötige Format für neue Glanzleistungen besitzt: Der 1972 geborene Engländer Konrad Jarnot verfügt über eine umfangreiche, charakteristische Baritonstimme mit der erforderlichen lyrischen und auch dramatischen Potenz; er beherrscht die deutsche Sprache als Sänger so gut, dass er gestaltend und erzählend aus dem Vollen zu schöpfen vermag, wie u. a. in der "Georgine" aufs Eindrucksvollste deutlich wird. Bei aller deklamatorischen Präsenz gerät ihm niemals der großen Bogen aus dem Blick: Sein Legato ist so natürlich und ungezwungen wie überhaupt seine Stimmgebung als solche; wenn ihm auch mit seinem wundervollen Material im Forte immer wieder einmal der Gaul durchgeht, was kurzzeitig zu etwas grellen Tönen, wiewohl nicht unbedingt ungesund klingenden Tönen führt. Ab und zu etwas mehr loslassen – das würde auch der "Nacht" und dem "Morgen" noch zu Gute kommen; schließlich beweist Jarnot andernorts immer wieder, dass auch sein mezza voce problemlos funktioniert, wenn er das nötige Maß an "laisser faire" aufbringt.
Die eigentliche Sensation dieser Einspielung sind allerdings die "Vier letzen Lieder", jener Schwanengesang des 1949 verstorbenen Meisters, der eigentlich für Sopran mit Begleitung eines großen Orchesters komponiert und bisher auch fast immer entsprechend dargeboten wurde. Jarnot wagt sich an eine herabtransponierte Klavierversion und beleuchtet die Lieder damit völlig neu: Atemberaubt verfolgt man, wie der Bariton jene weit ausschwingenden melodischen Bögen ausspannt, die sonst von einer Frauenstimme in ätherische Höhen über die Klangwogen des Orchesters hinausgeschickt werden. Viel irdischer, viel bodenverhafteter geht es freilich in der vorliegenden Version zu, aber gleichzeitig auch sehr energiegeladen und männlich-kraftvoll, ja gelegentlich gar kraftstrotzend. Zum grandiosen Gelingen besonders dieser interpretatorischen Pioniertat trägt Helmut Deutsch als nicht nur höchst versierter, sondern ebenso begeisterter wie begeisternder Klavierpartner bei, der die Klavierfassung mit einigen eigenen Verbesserungen zum gleichzeitig kompakten und vielschichtigen Klangerlebnis zu machen versteht.

Michael Wersin, 03.09.2005



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