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Richard Strauss

Eine Alpensinfonie op.64

Gustav Mahler Jugendorchester, Franz Welser-Möst

EMI 334 569-2
(45 Min., 3/2005) 1 CD

Jetzt habe er endlich instrumentieren gelernt, bekannte Richard Strauss angeblich nach der Generalprobe seiner "Alpensinfonie" aus dem Jahre 1915, die übrigens seine letzte Tondichtung war, und auch sein letztes großes Orchesterwerk. Die Raffinesse im Umgang mit dem Mammutorchester ist für viele Musikwissenschaftler auch das Einzige, was sie der Komposition an Lob zugestehen. Das Werk steht in der Bedeutungsskala hinter anderen Strauss-Tonpoemen wie "Also sprach Zarathustra", "Don Juan" oder "Till Eulenspiegels lustige Streiche" zurück. Zu Unrecht: Die inszenierte Bergbesteigung inklusive Unwetter und schnellem Abstieg mag nicht gerade mit originellen musikalischen Themen glänzen und immer wieder von Wagner, Liszt und Tschaikowsky Vorformuliertes aufgreifen, doch die dichte Dramaturgie fesselt ebenso wie die Überhöhung der einzelnen Stationen ins Metaphysische. Nur wer auf die äußerliche Hülle des Werks blickt, wird es als reine Naturschilderung abtun. Im Innern erweist sich die Bergbesteigung als Abbild des Lebens - gespickt mit vielen menschlichen Emotionen wie Erwartung, Enttäuschung, Hoffen, Scheitern und Erinnern.
Ein Orchester, dass sich diesem Werk widmet, nimmt sich viel vor. Immens sind die technischen Anforderungen an jeden Einzelnen, fast jeder Takt enthält Heikles. Das Gustav Mahler Jugendorchester wagt noch mehr: Einen Livemitschnitt, der übrigens im Großen Saal des Wiener Musikvereins entstand. Die Virtuosität der jungen Musiker ist immens. Man spürt aus jeder Note die extrem hoch konzentrierte Vorbereitung jedes Einzelnen, und völlig zu Recht ist jeder einzelne Musikername des gesamten Riesenochester im Booklet aufgeführt. Welser-Möst gelingt es, die Partitur in ein ganz ungewöhnliches Licht zu tauchen: So intim-kammermusikalisch hat man das Wasserfallgeglitzer selten gehört. Der Sturm-Abschnitt, in unerbittlich rasenden Tempo musiziert, wird zu einer Orchesteretüde, als hätte sich Strauss auch am 1913 (also zwei Jahre vor der Alpensinfonie) uraufgeführten "Sacre" von Strawinsky etwas abgelauscht. Welser-Möst blättert das Bilderbuch der Komposition vielleicht ein wenig zu schnell durch, die Episoden haben kaum Zeit, ihre dramaturgische Kraft zu entfalten, die Erzählung bleibt auf der Strecke. Jugendlicher Ungestüm? Vielleicht. Hörenswert? Durchaus. Aber grenzwertig.

Christian Priowsky, 29.10.2005



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