Richard Strauss’ "Elektra" ist ein Werk, das Semyon Bychkov nicht nur häufig dirigiert hat, sondern mit dem er regelrecht lebt - dies bekennt er in einem Interview, dass im Beiheft seiner "Elektra"-Einspielung abgedruckt ist. Und man merkt das, ohne Zweifel: Der horrend schwierige Orchesterpart, der auch heute noch selbst versierten Orchestern mitunter das Fürchten lehrt, erklingt mit einer packenden Plastizität, Tiefenschärfe und Detailgenauigkeit, wie sie so manche andere Aufnahme nicht bieten kann. Bychkov spielt die "Elektra" mit dem WDR-Sinfonieorchester, das hier wahrhaft hervorragend disponiert ist, nunmehr schon seit sechs Jahren - eine lange Zeit der gemeinsamen Erfahrung, die zu einem hörenswerten Ergebnis geführt hat - zumindest auf orchestraler Ebene. Als nicht ganz so einheitlich brillant präsentiert sich nämlich die Sängerbesetzung: Deborah Polaski in der Titelpartie kann dem Vergleich u. a. mit der legendären Inge Borkh, Böhms Elektra im Studio (DG) und auf der Bühne (Orfeo) nicht standhalten: Was die Ältere an fesselnd lebensnahen Emotionen in ihre Darbietung zu legen vermochte, ohne dabei in technische Nöte zu geraten, sucht weiterhin seinesgleichen. Felicity Palmer als Klytemnästra: Wenn das nur gut geht, möchte man besorgt einwenden, wenn man ihre relativ enge, feste Stimmgebung hört - ist da nicht ein Material geeigneter, das von Natur aus mehr Dunkelheit, Tiefe und Rundung zu bieten hat? Lichtblicke vor allem auf Seiten der Männer: Graham Clark, der offenbar völlig unverwüstliche, lässt als Aegisth aufhorchen, und Franz Grundheber als Orest beweist einmal mehr fantastische, dramatische Präsenz. Eine etwas durchwachsene neue "Elektra" also - hätte Bychkov bei der Auswahl der Sänger ebensoviel Sorgfalt walten lassen wie bei der Ausgestaltung der Orchesterpartie, dann wäre ein Glanzstück daraus geworden.

Michael Wersin, 14.04.2006



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