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Richard Strauss, Luigi Nono, Richard Wagner

Chorwerke

SWR Vokalensemble Stuttgart, Marcus Creed

Hänssler Classic/Naxos CD 93.179
(71 Min., 10/2004, 11/2004, 12/2004) 1 CD

Das SWR Vokalensemble Stuttgart war mit qualitativen Überlegungen zur Frage eines zeitgemäßen Berufschorwesens schon weit gediehen, als so mancher andere deutsche Rundfunkchor sich diesbezüglich noch im Dornröschenschlaf befand und über die sinfonische Kanonenfutter-Funktion hinaus kein überzeugendes Profil entwickelte (dabei kamen Schreckensvisionen über eine Streichung solcher Rundfunk-Ensembles schon Mitte der Neunziger Jahre auf). Zu einem chorischen Niveau, das demjenigen der semiprofessionellen Ensembles eines Frieder Bernius oder Philippe Herreweghe zumindest entspricht, schwangen sich die Stuttgarter daher im rechten Moment auf - eine Gruppierung, die in der Regel mit lebenslang zu besetzenden Planstellen operiert, braucht schließlich eine nicht unerhebliche Übergangszeit zum Aufbau einer zukunftsweisenden Klangkultur. Dass die Modernisierung als gelungen betrachtet werden kann, beweist das SWR Vokalensemble immer wieder u. a. durch seine CD-Produktionen. Dafür scheint man in der Vorstandsetage dennoch taub geblieben zu sein, denn einschneidende Kürzungen des Planstellenkontingents wurden dennoch beschlossen.
So mag man denn auch - zumindest als Hörer mit entsprechendem Hintergrundwissen - die vorliegende CD mit ihrer aparten Mischung aus sinfonischem Chor-Klangrausch à la Richard Strauss und vergleichsweise lichter, bisweilen fast fragmentarischer vokaler Ausdrucks-Kunst aus der Feder Luigi Nonos als glühenden Appell für die Sicherung eines hochwertigen, institutionalisierten Chorwesens hören; überzeugend geriet das bereits Ende 2004 eingespielte Programm allemal: Blitzsauber die beiden umrahmenden, 16-stimmigen Strauss-Ungetüme "Der Abend" und "Hymne", dabei überaus wohlklingend und zwischen metallischer Strahlkraft und betörender Zärtlichkeit von bruchloser Flexibilität. In Luigi Nonos "Sarà dolce tacere" dagegen sind acht Einzelstimmen gefragt, und auch diese bewähren sich in ihren anspruchsvollen Partien durchaus. Clytus Gottwalds Wagner- bzw. Mahler-Bearbeitungen, wie die Strauss-Chorwerke zu 16 Stimmen, dürfen als zusätzliche Schmankerln in süffig-spätromantischer Vollstimmigkeit genossen werden. Das ganze Programm repräsentiert einen Repertoire-Bereich, den die oben genannten semiprofessionellen Ensembles doch allenfalls am Rand berühren und der sich nicht so vergleichsweise unproblematisch aus dem Boden stampfen lässt wie mittlerweile ein Bach-Oratorium oder ein Motettenzyklus von Schütz. Um Musik wie diejenige auf der vorliegenden CD auf höchstem Niveau zu pflegen, werden gute Berufschöre gebraucht, die praktisch täglich zusammenkommen und Zeit zur bzw. Interesse an der Einstudierung auch abseits des Mainstreams gelegener Werke haben.

Michael Wersin, 21.07.2006



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