Es gehört zu den aufwändigeren Unternehmungen, Richard Strauss’ über dreistündige Märchenoper "Die Frau ohne Schatten" niveauvoll auf die Bühne zu bringen – schon gar in Gestalt einer deutsch-japanischen Koproduktion, wie die bayerische Staatsoper dies im Jahre 1992 tat: München stellte die Musik, Nagoya bot den Premierenort für die Inszenierung, die szenisch komplett von einem höchst kompetenten Team unter Leitung von Ennosuke Ichikawa betreut wurde. Szenisch wie musikalisch sind einige Meisterleistungen gelungen: Besonders die am Kabuki-Theater orientierte Personenführung, Kostümierung und Schminke der kaiserlichen Sphäre wurden grandios in die Tat umgesetzt; Marjana Lipovšek als stimmlich großartiger Amme wird gerade durch Schminke und schauspielerische Anleitung darstellerisch soweit auf die Sprünge geholfen, dass sie zwar nicht so gnadenlos boshaft wie angebracht, aber immerhin doch überzeugend hinterlistig und verschlagen zu wirken in der Lage ist. Neben der Amme gehört auch der Kaiser zu den Lichtgestalten dieser Produktion: Peter Seiffert war zu dieser Zeit ohne Zweifel in allerbester Verfassung und brilliert ohne jegliche Einschränkung. Gegen ihn bleibt Luana DeVol als Kaiserin ein wenig blass; man könnte sich diese Partie etwas schlanker besetzt vorstellen: Besonders die hohe Lage gerät häufig ein wenig zu dramatisch-vibratös. Janis Martin als Färberin machte ihr Sache fantastisch: Die Sprödigkeit, der Unwillen dieser Figur kommen ebenso überzeugend zur Geltung wie ihr verborgenes Wollen und Streben, ihre Anfälligkeit für Verlockungen. Alan Titus dagegen in der Partie der Färbers könnte in der Höhe etwas mehr Metall vertragen. Wenngleich das Bühnenbild Setsu Akasuras auf DVD sicher nicht annähernd so wirken kann wie im Theater – man sieht über weite Strecken charakteristisch kostümierte, immerhin gut sich abzeichnende Personen vor schwarzem Hintergrund –, wird doch ohne Weiteres auch auf dieser Ebene deutlich, wie in sich stimmig und differenziert der japanische Beitrag zur "Frau ohne Schatten" ausgefallen ist; für den Strausskenner und -Liebhaber Wolfgang Sawallisch, der sich mit diesem Stück nach 21 Jahren von der Münchner Staatsoper verabschiedete, sicher ein durch und durch befriedigender Höhepunkt in seiner Karriere, obwohl nicht alle Sängerrollen ganz optimal besetzt werden konnten.

Michael Wersin, 23.06.2007



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