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Anonymus

Mel et lac: Marianische Gesänge des 12. Jahrhunderts

Ensemble Peregrina

Raumklang/harmonia mundi RK 2501
(52 Min., 04/2003) 1 CD

Lauschen und Staunen an den Urquellen der abendländischen Musikgeschichte: Biblischer Text, liturgische Formeln und die dazugehörigen im Gottesdienst verwendeten melodischen Gestalten bilden die Grundlage für die Entwicklung weiter Teile unseres geistlichen, und - mittelbar - auch unseres weltlichen musikalischen Repertoires. Gewiss, die zurückgelegten Wege sind weit, die Ursprünge daher meist nur für den Fachmann nachvollziehbar; eine CD wie die vorliegende jedoch vermittelt auch dem Laien zumindest einen vagen Eindruck davon, in welcher Weise das Hochmittelalter Schauplatz faszinierender musikalischer Experimente und Neuerungen war. Am Beginn steht, wie gesagt, vielfach liturgisches Repertoire und das kirchliche Gebot, dessen Texte und Melodien nicht zu überdecken und zu verunklaren. Damit jedoch konnten sich die kreativen Geister jener Zeit nicht zufrieden geben: Einstimmiger gregorianischer Gesang verlangte nach kontrapunktierenden Stimmen, lange Melismen (viele Töne auf einer Silbe) provozierten die Austextierung (Tropierung) mit freier geistlicher Dichtung, kurzum, an allen Ecken und Enden wurde gerüttelt am klerikalen "Reinheitsgebot", und es entstand jene frühe Mehrstimmigkeit und jene geistliche Poesie, die in der vorliegenden Aufnahme ein Hochgenuss gleichermaßen für den kundigen, wie auch für den unkundigen, aber zu Recht neugierigen Hörer ist.
Die drei stimmschönen jungen Damen, die den Kern des ensemble Peregrina bilden, haben ihre Zusammenarbeit an der Schola Cantorum Basiliensis begonnen, die schon seit langer Zeit eine Talentschmiede für Interpreten alter und ganz alter Musik ist; entsprechend historisch-musikwissenschaftlich fällt ihr Ansatz aus - ohne Spezialwissen, das muss klar gesagt werden, könnte man ein solches Programm sowieso nicht zusammenstellen und ausführen. Dennoch kann die Adaption so betagten Materials nicht ohne Kompromisse geschehen: Der fundamentalste ist sicher die rein weibliche Besetzung - Frauen haben solche Musik im 12. Jahrhundert wohl kaum vorgetragen, in der Liturgie gewiss nicht, und auch sonst kaum. Man imitiert also quasi Knabenstimmlage oder bewegt sich einfach - macht ja auch nichts - in höheren Regionen als im Original. Recht organisch und fließend ist die rhythmische Gestaltung der Gesänge, die sich ja nicht mit letzter Sicherheit, in vielen Fällen auch gar nicht aus dem Notentext herleiten lässt. Vibratofreiheit, einstmals ein Muss in der Alte-Musik-Szene, wird nicht allzu groß geschrieben, oftmals durchaus zu Gunsten der vorgestellten Musik übrigens. Insgesamt eine willkommene Bereicherung des (für diese Epoche nicht allzu üppigen) Aufnahmenkatalogs von bleibendem Wert.

Michael Wersin, 01.12.1999



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