Eine Eröffnung neuer Perspektiven durch die historisierende Aufführungspraxis gerade bei bekannten Stücken ist mittlerweile ein bekannter, ja ein vom Hörer erwünschter und erwarteter Effekt. Die heutzutage hervorragenden Originalklang-Orchester faszinieren oft durch eine ganz neue, ungewohnte Mischung und Färbung scheinbar gewohnter Klänge, und Dirigenten wie John Eliot Gardiner durchforsten autographes Notenmaterial nach in Druckausgaben verloren gegangenen Details. All dies bieten Gardiner und das Orchestre Révolutionnaire auch auf der vorliegenden CD: Vor allem in Beethovens Violinkonzert sorgen unter anderem schärfere, härtere dynamische Kontraste und rauere, herbere Holzbläserklänge an vielen Stellen für ein ganz frisches Hörerlebnis. Wie aber passt Viktoria Mullova ins Bild? Leider verschweigt das Beiheft, auf was für einem Instrument, mit welcher Besaitung und mit was für einem Bogen sie spielt. Ihr Ton jedenfalls ist sehr schlank, etwas rauchig und in den besten Momenten von ganz eigener, zauberhafter Schönheit. Mit dem Vibrato geht sie sehr sparsam um, wobei ihr möglicherweise gerade deshalb immer wieder einmal kleine Intonationspannen unterlaufen. Oft gelingt es ihr, trotz abgespeckten Interpretationsansatzes - die große Geste eines Henryk Szeryng darf man hier selbstverständlich nicht erwarten - romantische Leidenschaftlichkeit aufzubringen, und für diese herrlichen Passagen lohnt es sich, die CD anzuhören. Dazwischen gibt es aber immer wieder Abschnitte, die aus verschiedenen Gründen (noch) nicht ganz das Gelbe vom Ei sind. Werden Gardiner und Mullova weiter zusammenarbeiten? Sicher wären noch größere künstlerische Leistungen als diese insgesamt zufriedenstellende von ihnen zu erwarten.

Michael Wersin, 16.08.2003



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