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Henri Rabaud

Mârouf, Savetier du Caire

Michel Lecocq, Anne-Marie Blanzat, Franz Petri u.a., Chor der Oper Nantes, Philharmonisches Orchester Pays de la Loire, Jésus Etcheverry

Accord/Universal 472 142-2
(129 Min., 11/1976) 2 CDs

Dem heute kaum mehr bekannten Komponisten Henri Rabaud und seinem Librettisten Lucien Népoty gelang es im Jahre 1914, das Pariser Publikum und die Kritik gleichermaßen auf Anhieb zu begeistern: Die comédie-bouffe "Mârouf, Savetier du Caire" erregte bereits bei der Kostümprobe breite Aufmerksamkeit. Kein Wunder: Das kongeniale Team Rabaud-Népoty hatte ein brillantes Libretto mit seiner schlichtweg vollkommenen musikalischen Ausgestaltung zusammengeführt, dabei ganz unprätentiös nichts weiter als gepflegte Unterhaltung auf hohem Niveau beabsichtigend. Mit leichter Hand schuf Rabaud die passende musikalische Kulisse für das Märchen aus Tausendundeiner Nacht von Mârouf, Schuster in Kairo, der von seiner zänkischen Ehefrau in die Flucht geschlagen wird und, nach peinlichen Verwicklungen und mit der Hilfe eines freundlichen Geistes selbstverständlich, in der Fremde sein Glück macht; Rabauds zauberhafte Orientalismen wirken niemals aufgesetzt oder platt, sondern leben von der beachtlichen Kreativität und der faszinierenden handwerklichen Fertigkeit des Komponisten. Népoty jongliert in seinem Textbuch gekonnt und vollkommen zwanglos mit der dem orientalischen Genre eigenen blumigen, bildreichen Eloquenz, dabei niemals den zügigen Fortgang der Handlung aus den Augen verlierend. Wo ist dieses Werk nur geblieben? Es wäre auch in unseren Tagen noch ein Garant für ausverkaufte Vorstellungen.
Jésus Etcheverrys Einspielung aus dem Jahre 1976 - außer dieser gibt es nur noch eine weitere unter Michel LeConte von 1964 (Gala/Gebhardt) - vermag über weite Strecken nicht minder zu begeistern als das Werk selbst, wobei die Freude über die erstmalige Bekanntschaft mit dieser Musik auf Dauer nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass Michel Lecoq in der Titelpartie unbeschadet seines äußerst sympathischen und stilechten Rollenporträts in der hohen Lage und in puncto saubere Intonation gelegentlich überfordert ist (letzteres gilt übrigens auch für den ansonsten sehr differenzierten, insgesamt zurückhaltenderen Henri Legay in der LeConte-Aufnahme). Ferner kommt es auf orchestraler Ebene bisweilen zu einer gewissen Uneinheitlichkeit - womit allerdings die Kritikpunkte schon abgehandelt sind. Der Rest der Besetzung, vor allem die fantastische Riege der Baritone und Bässe u. a. in den Rollen des Ahmad (Xavier Tamalet), des Kâdi (Jean-Pierre Rodde) und des Ali (Etienne Arnaud) verdient volles Lob, besonders auch vor dem Hintergrund der älteren Vergleichseinspielung, in der die Nebenrollen weitgehend nicht mit so prägnanten, charakteristischen Stimmen besetzt werden konnten.

Michael Wersin, 04.09.2004



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