Statt Fernseh-Krimi mal eine Ballade aus dem 18. Jahrhundert - mit dieser unkonventionellen Maßnahme versetzt man sich wirkungsvoll zurück in eine längst vergangene Zeit mit ihren ganz anderen Möglichkeiten der Zerstreuung und Unterhaltung. Ein nicht unwesentliches Maß an Vortragskunst bräuchte es wohl, um Gottfried August Bürgers schauerliches Meisterstück "Lenore" wirkungsvoll zum Leben zu erwecken - das nähmen einem beim heimischen Balladen-Abend nicht Horst Tappert und seine wackeren Kollegen ab. Dafür bekommt der aufmerksame, bildungswillige Balladen-Hörer aber eine gute Portion Kulturgeschichte mitgeliefert: Lenores Bräutigam Wilhelm ist im Krieg geblieben, und angesichts dieser Not vermögen auch die gottesfürchtigen Weisheiten und Mahnungen der Mutter die junge Frau nicht zu trösten. Stattdessen zögert Lenore nicht, ihrem Wilhelm zu folgen, als dieser des Nachts untot erscheint, um sie mit in sein Kämmerlein ("Sechs Bretter und zwei Brettchen") zu nehmen. Kritik an den Lebensverhältnissen zur Zeit des Siebenjährigen Krieges kommt hier ebenso zum Vorschein wie Zweifel an den standardisierten Formeln, die die Kirche zu bieten hat; letztendlich steht der Mensch allein da mit all seiner dumpfen Angst vor einem fremdbestimmten Schicksal.
Dank Antonín Reichas kompositorischer Leistung (er vertonte die "Lenore" 1805/1806, über dreißig Jahre nach ihrer Entstehung) muss der Balladen-Interessierte zumindest in diesem Fall den Vortrag nicht selbst in die Hand nehmen: Reicha liefert eine mustergültige musikdramatische Umsetzung mit verteilten Rollen einschließlich Chor, mittels derer er in vielfacher Hinsicht die Grundzüge der späteren romantischen Oper auf kleinerem Raum absteckt. Frieder Bernius produzierte das auch heute noch ansprechende Stück im November 2001 in Prag. Seinen "Kammerchor Stuttgart" hatte er nicht dabei, sondern musste stattdessen mit dem Prager Kammerchor auskommen. Was er mit diesem an sich recht qualifizierten Ensemble klanglich erarbeitete, geriet hier und da ein wenig blässlich: Offenbar bedarf es der handverlesenen eigenen Truppe, um den gewohnten chorischen Zauber hervorzubringen. Unter den Solisten erfreut vor allem Pavla Vykopalová (mit reizendem tschechischen Akzent) in der Rolle der Mutter; Camilla Nylund bewältigt die dramatischen Anforderungen der Titelpartie nicht ganz so stimmschön wie ihre Kollegin, aber doch weitgehend überzeugend. Vladimír Chmelo verleiht dem fürchterlichen Wilhelm mit kraftvollem Bariton nachdrücklich Gestalt; Corby Welch gestaltet die Partie des Erzählers leider ein wenig holzschnittartig: Ihm fehlt es an sängerischer Eleganz.

Michael Wersin, 02.08.2003



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