"Der Geist des Herrn war von Saul gewichen; jetzt quälte ihn ein böser Geist, der vom Herrn kam." So heißt es im ersten Buch Samuel im ersten Kapitel jenes Abschnitts, in dem Sauls Stern untergehen und Davids Königtum über die Israeliten sich ankündigen wird. André Gide thematisierte die innere Zerrissenheit König Sauls in einem 1903 veröffentlichten Theaterstück, und letzteres ist die Basis der vorliegenden Oper des 1923 geborenen Italieners Flavio Testi: Ein zorniger, zerfahrener, neidischer, eifersüchtiger und aufbrausender Saul wird hier porträtiert, dessen fragiles Innenleben durch den jungen Hirten David aus dem Gleichgewicht gebracht wird. Er tötet im Affekt seine Frau, die Königin, weil sie mit David kokettiert. Mit seinem Sohn Jonathan und David unterhält er eine spannungsreiche, latent homosexuelle Dreiecksbeziehung (Sauls Tochter Michal, die in der biblischen Erzählung Davids Frau wird, fehlt folgerichtig in der Besetzungsliste) ...
Testis Musik, prinzipiell der Dur-Moll-Tonalität verpflichtet, zeichnet sich aus durch eine radikale Sparsamkeit: Oft werden Gesangslinien nur ein- oder zweistimmig begleitet; die Partitur ist insgesamt kammermusikalisch angelegt, ein voller sinfonischer Klang des übrigens ohne Violinen auskommenden Orchesters bleibt die Ausnahme. Die Kantilenen der Sänger entbehren weitestgehend jeglichen ariosen Reizes, sie gehorchen vielmehr allein dem vorzutragenden Text und seinen deklamatorischen Erfordernissen. Die karge Klanglichkeit der Musik Testis erfährt Durchstrukturierung und Ordnung mittels der Verwendung einer sprechenden und den Hörer führenden Motivik; für den nicht fließend französisch verstehenden Hörer erschließt sich das Werk dennoch nur in engem Kontakt mit dem (im Beiheft abgedruckten) Libretto – die Teilnahme an diesem Drama um den Verfall des Königs Saul ist daher nicht wenig anstrengend und verlangt hohe Konzentration.
Die Aufnahme unter Massimo Zanetti entstand im Oktober 2003 live bei einer konzertanten Aufführung in Paris. Der Bariton Vincent Le Texier in der Titelpartie passt mit seiner etwas rauen, tendenziell unruhigen, nicht gerade betörend schönen Stimme sehr gut zum Profil des Saul, dessen unstetes Gemüt er hervorragend herauszuarbeiten versteht. Daniel Galvez-Vallejo als David bildet mit seiner dunkel gefärbten, zu großer Zartheit fähigen Tenorstimme einen überzeugenden Kontrast zu Le Texier. Fabrice Mantegna in der Tenorpartie des Jonathan fasziniert durch sein intensives, von Leidenschaftlichkeit geprägtes Timbre; seine Stimme ist vielleicht die reizvollste in dieser zur düster-angespannten Gestimmtheit gut passenden, aber an sich nicht sehr spektakulären Besetzung.

Michael Wersin, 11.06.2005



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