Das Publikum tobt zu Recht: Die Sterbeszene der Ophélie in der Darbietung durch Natalie Dessay mit all ihrer stimmlichen Délicatesse und schauspielerischen Überzeugungskraft zählt zum Großartigsten, was man auf offener Bühne gegenwärtig erleben kann. Sie ist allerdings nur einer der Höhepunkte dieses Live-Mitschnitts aus Barcelona vom Oktober 2003, der Ambroise Thomas’ selten gespielte Oper Hamlet in einer hinsichtlich der Hauptrollen grandios besetzten Produktion zum Erlebnis macht: Neben Natalie Dessay, die sich von ihrem stimmlichen Desaster offensichtlich wieder prächtig erholt hat (hoffentlich bleibt sie vernünftig!), brilliert der Bariton Simon Keenlyside in der Titelpartie. Wer diesen in den Medien und auf Tonträgern nicht allzu präsenten Sänger bisher vielleicht vor allem als Liedinterpret oder allenfalls als Papageno erlebt hat, wird staunen über seine dramatische Gestaltungskraft und sein Durchhaltevermögen: Mit einem breiten Spektrum vom zauberhaft zarten Voix-mixte-Klang bis zur kernig-brustigen Attacke scheint er geradezu prädestiniert für diese vielschichtige Partie, die er zudem auch schauspielerisch auf unnachahmlich individuelle Art und Weise zum Leben erweckt. Die Dialogszene etwa mit seiner Mutter, der Königen Gertrude (ausdrucksvoll, aber stimmlich zu tremulös: Béatrice Uria-Monzon), gerät zu einem detailgenau zelebrierten, packenden Inferno bodenlosen Enttäuschtseins und hasserfüllter Abscheu.
Ähnlich wie Gertrude bleiben übrigens auch König Claudius und Ophélies Bruder Laërte in dieser Produktion etwas unbefriedigend: Ersterer (Alain Vernhes) singt sich nach blass-befangenem Beginn erst im dritten Akt in seiner Reue-Szene etwas frei, letzterer (Daniil Shtoda) irritiert durch hysterisch grelle Stimmgebung. Die eher bescheidene Qualität vieler Nebenrollen-Darsteller, die Schwächen bei den Blechbläsern des Orchesters und das in seiner permanenten Dunkelheit zumindest auf DVD streckenweise etwas ermüdende Bühnenbild zählen zu den Schwachstellen der Aufführung, die aber durch die genannten Stärken mühelos wettgemacht werden; zu den Pluspunkten zählt nicht zuletzt auch die erstklassige Personenführung der Regisseure Patrice Caurier und Moshe Leiser sowie das absolut untadelige Dirigat Bertrand de Billys.

Michael Wersin, 08.01.2005



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