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Ernst Toch

Tanzsuite, Cellokonzert

Christian Poltéra, Spectrum Concerts Berlin, Thomas Carroll

Naxos 8.55 9282
(57 Min., 5/2006) 1 CD

Das Werk des in Wien geborenen und im amerikanischen Santa Monica verstorbenen Ernst Toch (1887-1964) hat inzwischen einige Konturen bekommen. Was überfällig war. Denn Toch gehörte zu den Komponisten, die mit ihrer Emigration in die USA am unmittelbaren Vorabend der Nazidiktatur fast einen Schlussstrich unter ihr eigentliches Schaffen ziehen mussten. Zwar komponierte Toch im amerikanischen Exil seine sieben großen Sinfonien. Doch diese gerieten in ihrer romantischen Rückbezogenheit in Europa genauso in Vergessenheit wie der Filmkomponist Toch. In der Aufarbeitung seines sinfonischen wie kammermusikalischen Erbes hat nicht zuletzt das Label cpo in den vergangenen Jahren die Vorreiterrolle übernommen. Und in dieser Tochretrospektive erschien bereits 2002 mit dem Mutare Ensemble eine Einspielung von genau den beiden Werken, denen sich jetzt das Spectrum Concerts Berlin angenommen hat. Es sind die 1923/24 entstandene Tanzsuite op. 30 für gemischtes Sextett sowie das kurz darauf komponierte Cellokonzert op. 35. Beide Werke sind ganz dem "sachlichen" Gebrauchston der 20er Jahre verpflichtet und machen überdeutlich, warum Toch spätestens mit seinem Umzug nach Berlin 1929 mit Hindemith, Krenek und Weill konkurrieren konnte. Zieht man anlässlich der Neuaufnahme noch einmal die ältere Studio-Alternative zum Vergleich heran, ist das Spectrum Concerts Berlin samt des Solocellisten Christian Poltéra den Kollegen um die entscheidende Nasenspitze voraus, was Konturenschärfe, rhythmische Energie und klangliche Sensibilität angeht. In der sechssätzigen Tanzsuite geht es mit spitzen Violin- und Klarinettenakzenten lakonisch zu ("Intermezzo"). Und der "Tanz des Erwachens" hätte mit diesem herrlich schwärmerischen und verklärenden Walzerton so auch in Schönbergs "Verein für musikalische Privataufführungen" passen können. Überhaupt zeichnen sich die Berliner Musikanten nicht nur durch ihre unbekümmert freche Gangart aus. Besonders im Cellokonzert, das mit seiner asketischen Ensemblebesetzung aus Streichquintett, Bläserquintett und Schlagzeug ein Pendant zu Schönbergs Kammersinfonie sein könnte, begegnet man neben Drive und polyphonen Proportionen (Finalsatz) einem sehnsüchtig suggestiven wie gleichzeitig zerbrechlichen Klangkolorit, in dem die ganze Aufbruchsstimmung des konservativen Wiens steckt.

Guido Fischer, 26.05.2007



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