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Francisco Guerrero

Missa super flumina Babylonis

Ensemble Plus Ultra, Schola Antiqua, His Majestys Sagbutts & Cornetts, Michael Noone

Glossa/Note 1 GCD 922005
(78 Min., 6/2006) 1 CD

Oft bedarf es eines geradezu fanatischen Arbeitseinsatzes, um die musikalischen Schätze lang vergangener Jahrhunderte wieder für die Aufführung verfügbar zu machen – denn obwohl schon so unendliches Vieles mittlerweile in den zahllosen Wälzern der Denkmalausgaben verhältnismäßig bequem zum praktischen Gebrauch bereit steht, schlummern noch unermessliche Reichtümer etwa der Musik des 16. Jahrhunderts unentdeckt bzw. unerschlossen in den Archiven der Welt. Ensembleleiter Michael Noone hat es sich seit den frühen 80er Jahren zur Aufgabe gemacht, die spanische vokalpolyfone Musiktradition der Renaissance zu erforschen, und in diesem Zusammenhang steht auch Francisco Guerrero (1528-1599), ein Schüler von Cristobál Morales, im Zentrum seines Interesses. In seinem Beihefttext beschreibt er anschaulich die Qualen etwa der minutiösen Rekonstruktion eines vielleicht durch Wasser stark beschädigten Pracht-Chorbuchs mit verklebten Seiten oder der akribischen Suche nach gregorianischen Choralmelodien lokaler Traditionen, die mehrstimmigen Stücken häufig zu Grunde liegen. Unermüdlichen Forschern wie Noone ist es zu verdanken, dass wir solche Musik heute mehr und mehr ganz bequem zum Hören serviert bekommen; im Falle von Noone kommt hinzu, dass sich sein Können weit über die philologische Ebene hinaus auch auf die vorbildliche praktische Umsetzung erstreckt: Sein "Ensemble Plus Ultra" kann sich wahrlich hören lassen, es vereint die Vorzüge so mancher Spitzen-Vokalensembles der historisch informierten Ära zu bestechender klanglicher Qualität und struktureller Durchsichtigkeit. (Mit Schmunzeln liest man in der Liste der Mitwirkenden etwa den Namen Sally Dunkley, die bei den Tallis Scholars seit Langem bewährtes Mitglied und zudem selbst eine kompetente Musikforscherin ist.) Eine auf spanischen Liturgiegesang der Renaissance spezialisierte Schola kommt ebenso gewinnbringend hinzu wie in einigen mehrstimmigen Stücken "His Majestys Sagbutts and Cornetts" – fertig ist ein überaus reizvolles, logisch durchstrukturiertes und feinest musiziertes Programm, das den Ansprüchen sowohl des reinen Genusshörers wie auch des spezieller Interessierten absolut Genüge zu leisten vermag.

Michael Wersin, 28.12.2007



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