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Johann Ludwig Trepulka, Norbert von Hannenheim

Klavierstücke, Sonaten

Herbert Henck

ECM/Universal 476 5276
(56 Min., 4/2005) 1 CD

Für Hans Heinz Stuckenschmidt war Norbert von Hannenheim einer "der wirklich Talentierten der jüngeren Generation. Ein Schüler Schönbergs, verkörpert er die Lehre des Meisters in einer ganz persönlichen und durchdachten Weise." In seinem 1933 veröffentlichten Aufsatz über von Hannenheim stellte Stuckenschmidt zudem dessen "perfektes tonales Gleichgewicht" und "Reichtum im Ausdruck“ im Horizontalen und Vertikalen heraus. Diese Anerkennung, die Norbert von Hannenheim da zu Teil wurde, sollte im Jahr der nationalsozialistischen Machtübernahme nicht die letzte sein. Im Mai 1933 bekam er dank einer mit u. a. Berg, Krenek und Webern hochkarätig besetzten Jury den Emil-Hertzka-Musikpreis zugesprochen. Fortan begann für den gebürtigen Siebenbürgener und ehemaligen Schönbergschüler von Hannenheim (1898-1945) aber ein einziger Existenzkampf, wurde er wegen seiner physischen Erkrankung 1944 in eine der mörderischen Euthanasieanstalten eingeliefert, aus der er immerhin noch von der Roten Armee gerettet werden konnte. Doch bis heute sind sein Name und sein Werk genauso in Vergessenheit geraten, wie es für einen zweiten Komponisten gilt, den der Pianist Herbert Henck jetzt ebenfalls würdigt. Es ist der in Wien geborene und 1945 verstorbene Johann Ludwig Trepulka, der bei dem zweiten "Erfinder" der Zwölftontechnik, bei Josef Matthias Hauer, studierte. Mit Trepulkas einzig veröffentlichten Werk, dem Klavierzyklus "Klavierstücke mit Überschriften nach Worten von Nicolaus Lenau" op. 2 (1923/24), sowie den Klaviersonaten Nr. 2, 4, 6 und 12 von von Hannenheim ist Henck somit eine kaum zu überschätzende Einspielung gelungen. Nicht nur, weil er damit zwei Komponisten ins öffentliche Bewusstsein zurückholt, die sich unterschiedlich durchs Naziregime durchschlagen mussten. Mit Trepulka und von Hannenheim stehen zwei Exponenten zweier Zwölftonschulen im Fokus. Als Hauerschüler deutete Trepulka das System nicht sklavisch streng, sondern verschmolz Tonales und Atonales zu meditativen, oftmals äußerst asketisch und minimalistisch wirkenden Klavierpoemen. Von Hannenheims Klaviersonaten sind dagegen von einer aufreizenden Spröde und Motorik geprägt und stehen in ihrer Nervosität und mit ihren Klangprismen für eine Moderne, die im geregelten Umgang mit den zwölf Tönen nie die expressionistische Tiefenschärfe aus den Augen verlor. Und die dafür nötige Kontrolle und Differenziertheit im musikantischen Vollzug bietet Henck nun derart spektakulär, dass man erneut in mehrfacher Hinsicht von diesem verdienstvollen Pianisten verblüfft wird.

Guido Fischer, 28.07.2007



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