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Francesco Maria Veracini

Violinsonaten

John Holloway, Jaap ter Linden, Lars Ulrik Mortensen

ECM/Universal 476 7055
(62 Min., 9/2003) 1 CD

Nach den gemeisterten Höchstschwierigkeiten, mit denen im 17. Jahrhundert ein Heinrich Ignaz Franz Biber und ein Johann Heinrich Schmelzer das Griffbrett aufgemischt hatten, hat es den englischen Violinisten John Holloway nun über die Alpen gezogen. Ins Italien des frühen 18. Jahrhunderts, wo unter den Geigenvirtuosen der Florentiner Francesco Maria Veracini besonders glänzte. Veracini war aber kein Mann, der noch einmal über die Skordatur seinem Instrument erstaunliche Klangeffekte entlockte. Bei aller Brillanz, Doppelgriffkombinationen und Triller-Ornamentik achtete gerade er auf eine Tonschönheit und Leichtigkeit, aus der auch seine Neigung für die Oper sprach. Arien ohne Worte komponierte Veracini Zeit seines Lebens zwar nicht, doch sind seine Violin-Sonaten vom klassischen Ideal eines Arcangelo Corelli geprägt. Während Corellis fast maßlos wirkendes und oftmals ins routiniert Leere laufende Schaffen mehr musikhistorischen Wert besitzt, schaffte es Veracini bis ins hohe Alter von 78 Jahren, die Stellschrauben für die Trias "Geist, Form und Beseeltheit" nuancenreich und wirkungsvoll zu verändern.
Aus vier Sonaten-Heften, die Veracini zwischen 1714 und etwa 1750 anlegte, hat Holloway jeweils ein Werk ausgewählt, um den kompositorischen Prozess exemplarisch abzustecken. Dabei ist Holloway glücklicherweise nicht der Authentizitätsmode verfallen ist, er hat die Finger von einer kratzbürstigen Barock-Violine gelassen. Mit dem Cellisten Jaap ter Linden und dem Cembalisten Lars Ulrik Mortensen entwickelt Holloway vielmehr eine aus sich heraus atmende Kammermusik abseits tektonischer Klischees, die Tanzsätze aus seinem Opus 1 sind nicht etwa nur anmutig, sondern besitzen Seria-Tiefe. Veracinis scheinbare Spielereien selbst mit polyphonen Mustern besitzen immer etwas Reflektiertes, ja Hintergründiges. Aus dem "Preludio" zu den Corelli-Bearbeitungen "Dissertazioni... sopra l'opera quinta del Corelli" wird so beispielsweise ein instrumentales Rezitativ, aus dem sich jede Sekunde eine herzaufreißende Melodie zu schälen scheint.

Guido Fischer, 03.12.2005



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