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Tomás Luis de Victoria

Et Jesum

Carlos Mena, Juan Carlos Rivera, Francisco Rubio Gallego

harmonia mundi HMI 987042
(65 Min., 10/2003) 1 CD

Die Bearbeitungstechnik der Intavolierung ist ein altes Verfahren, das die Interpretation eines ursprünglich in Einzelstimmen notierten polyphonen (Vokal-)Werkes auf einem Tasten- oder Saiteninstrument ermöglicht. Am Ende der Renaissancezeit gewinnt diese Praxis an Bedeutung im Hinblick auf die Entwicklung der Monodie: Während im vokalpolyphonen Satz sämtliche Stimmen gleichberechtigt am Gesamtgeschehen mitweben, ermöglicht die Intavolierung eine Zusammenfassung des Großteils der melodischen Linien zwecks Begleitung eines oder mehrerer Solisten, deren Partie dann entsprechend hervorgehoben erklingt - ein Effekt, der oft noch durch Verzierung dieser Partien verstärkt wird. Dies geschieht um den Preis eines tendenziellen Verlustes der polyphonen Struktur des restlichen Satzes: Mit dessen Bündelung zu einem streckenweise eher akkordisch wahrgenommenen Begleitsatz kündigt sich der Generalbass begleitete Solovortrag an.
Die geistliche Musik des Spaniers Tomás Luis de Victoria (1548-1611) war schon zu seinen Lebzeiten Gegenstand solcher Intavolierungen: Zwei Quellen aus den Jahren 1594 und 1611 enthalten ein Reihe seiner Stücke in Bearbeitungen für Laute und Solostimmen. Sie boten Carlos Mena und seinem Lautenisten Juan Carlos Rivera Material für diese CD und dienten darüber hinaus als Inspirationsquelle für eigene Transkriptionen. Welche der eingespielten Stücke im Einzelnen aus den Originalquellen stammen und welche neu bearbeitet sind, muss man sich etwas mühsam aus dem (nicht auf deutsch enthaltenen) Beihefttext erschließen, da die Trackliste darüber keinen Aufschluss gibt; die gelegentliche Mitwirkung des Cornettisten Francisco Rubio Gallego wird aus demselben Grund zum angenehm überraschenden Hörerlebnis. Dies sind die einzigen - peripheren - Kritikpunkte an dieser Veröffentlichung; ansonsten bestimmt reiner Wohllaut das Bild: Carlos Mena fasziniert mit einer unfasslich reinen, irisierenden Countertenor-Stimme, die im unteren dynamischen Bereich, wie er im Zusammenspiel mit der Laute oft erforderlich ist, ein mitreißend schönes Timbre entfaltet. Mit faszinierender Konzentration und Ruhe gehen er und sein brillanter Lautenist die Motetten, Antiphonen und Messsätze Victorias an und verschaffen dem Hörer ein ganz anderes Vokalpolyphonie-Erlebnis, als dies die einschlägigen rein vokalen Interpretationen tun - jener Paradigmenwechsel, der einst das Zeitalter des Barock einläutete, kann auf diese Weise hautnah mit vollzogen werden.

Michael Wersin, 12.06.2004



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