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Tomás Luis de Victoria

Ave Regina caelorum and Other Marian Music

Westminster Cathedral Choir, Martin Baker

Hyperion/Codaex SACDA 67479
(68 Min., 2/2004) 1 CD

Schon zur Spätblüte der sog. "Klassischen Vokalpolyphonie" muss man das Schaffen des durch einen langen Rom-Aufenthalt stilistisch geprägten Spaniers Tomás Luis de Victoria betrachten: Großartige klangliche Prachtentfaltung auf der Basis einer Bündelung des vielstimmigen Geschehens auf stringentes, effektvolles, harmonisches Fortschreiten hin gewinnt zunehmend an Bedeutung gegenüber der Eigenständigkeit der Stimmen im polyphon-imitatorischen Gewebe. U. a. Palestrina war es, der beide Parameter - das alte kontrapunktische und das neue, auf die Barockzeit vorausweisende harmonische Prinzip - auf brillante Weise in Einklang zu bringen verstanden hat, und der eine Generation jüngere Victoria wird in Rom viel von ihm gelernt haben.
In Victorias vergleichsweise überschaubarem Werk gibt es eine Menge marianisch inspirierter Musik, und vor allem diesem Repertoire hat sich Martin Baker mit dem Knabenchor der Westminster Cathedral gewidmet: Im Zentrum steht die achtstimmige Missa "Ave Regina caelorum" und ihre Parodievorlage, die motettische Vertonung ebendieses Antiphon-Textes. Victoria erweist sich hier als Meister des Parodieverfahrens, indem er die Vorlage keineswegs allzu wörtlich ausschlachtet, sondern das Material einfallsreich variiert und neu fortspinnt. Eine Reihe kleinerer Werke, darunter zwei "Ave Maria", ein Magnificat sowie einige Psalmvertonungen ergänzen das Programm.
Der Westminster Cathedral Choir hat sich ein gutes Stück entfernt vom traditionellen ätherischen, schwebenden Klang englischer Knabenchöre; es ist deutlich zu spüren, dass im Bereich der Stimmbildung Wert gelegt wird auf eine kraftvollere, körperhaftere Art des Singens. Dies führt entsprechend zu einem vergleichsweise bodenständigen, handfesten Endergebnis, das der eingespielten Musik prinzipiell durchaus entgegenkommt, sieht man ab von der häufig leider etwas grölenden Tonproduktion der sicher auch aus ehemaligen Knaben zusammengesetzten Bassistenriege. Hinsichtlich der Klangfülle nähert sich der Chor auf diese Weise - freilich mit zahlenmäßig größerer Besetzung - dem, was professionelle Erwachsenen-Ensembles wie etwa die Tallis-Scholars oder The Sixteen zu leisten vermögen - allerdings erreicht Martin Baker mit seinen Knaben naturgemäß nicht die Intonationssicherheit der genannten Gruppierungen. Wohlgemerkt: Was Baker versucht, ist eine gefährliche Gratwanderung, denn heutige Knaben können wegen der wesentlich früheren Mutation niemals mehr präpubertär die stimmliche Reife erlangen, die vor einigen hundert Jahren sicher Standard war; leicht überlastet man die kindlichen Kehlköpfe, wenn man sie dennoch wie 16- oder 17-Jährige singen zu lassen versucht. Die erwähnten Probleme der mangelnden Modulationsfähigkeit im Bass-Bereich könnten eine Spätfolge dieser Arbeitsweise sein.

Michael Wersin, 16.04.2005



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