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Louis Vierne

Sämtliche Orgelsinfonien

Jeremy Filsell

Brilliant Classics/Foreign 8645
(224 Min., 9/2004) 3 CDs

Bei den Orgelpuristen stehen die Orgelsinfonien eines Charles-Marie Widor und dessen Schülers Louis Vierne (1870-1937) nun wirklich nicht hoch im Kurs. Vieles ist ihnen in diesen mehrsätzigen Sonderlingen immer noch zu hollywoodesk klangopulent und triefend. Nun gut. Nicht alles, mit dem gerade Vierne seine sechs Sinfonien aufgeladen hat, mag einen überwältigend in den Sitz drücken. Seine erste Sinfonie (1899) hängt da noch allzu sehr am Rockzipfel des zweiten Viernelehrers César Franck. Und selbst die vierte Sinfonie (1914) kann nicht an die Kühnheiten der dritten Sinfonie (1911) anknüpfen. Als Vierne hier die Harmonien schon mal aus den Tonalitätsverankerungen herausbrach. Trotz aller Unkenrufe und Abstriche können die Werke dennoch fantasievolles wie fantastisches Hörfutter bieten, wenn Instrument und Interpret zusammenpassen.
Und im Fall der Gesamteinspielung der Vierne’schen Orgelsinfonien hat sich tatsächlich Jeremy Filsell mit der Cavaillé-Coll-Orgel in St. Ouen ein Instrument ausgesucht, das mit seiner totalen Klangfülle und den sich im Optimalzustand befindenden Registern für diesen "Stoff" geradezu maßgeschneidert erscheint. Von milden, oftmals ungewohnt eingefärbten Stimmungen bis zu imponierenden Kraft- und Energienentfaltungen hat Filsell diese großdimensionierte Orgelliteratur fest im Griff – und zugleich besitzt er die nötige Tiefenschärfe für den meditativen Gehalt, die beruhigenden Ströme und überhaupt für die auratisch erwärmende wie faszinierende Subjektivität. Dass man zudem begreift, dass diese Sologattung ihre Wurzeln im spätromantischen Orchester hat, erweist sich als gelungener Nebeneffekt.

Guido Fischer, 22.09.2007



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