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Igor Strawinski, Johann Sebastian Bach

Duo Concertant, Partita Nr. 1, Suite Italienne, Sonate Nr. 1

Leonidas Kavakos, Péter Nagy

ECM/Universal 472 767-2
(75 Min., 10/2002) 1 CD

Natürlich hätte sich eine offensichtlichere Kombination angeboten, um die Strahlkraft abzugleichen, die Johann Sebastian Bachs sechs Partiten und Sonaten auf die Ysaÿes und Bartóks ausübte. Und dass der griechische Violinist Leonidas Kavakos nun zwei der bekanntesten Werke für Violine und Klavier Strawinskis dem solistischen Makrokosmos von Bach vor- bzw. zwischenschaltete, ist auf den ersten Blick nicht unbedingt ein programmatischer Quantensprung. Doch wie schon bei seiner Vorgänger-CD mit Werken von Enescu und Ravel, auf der Kavakos die Balkan-Achse nicht ins gängig Folkloristische abrutschen ließ, liegt auch jetzt der Schlüssel im Detail. Kavakos' markanter Secco-Stil ist geradezu prädestiniert, um dem Neo-Klassizismus von Strawinski den rein nostalgischen Unterhaltungswert auszutreiben und somit die unmittelbaren Kontaktstellen zu den Bach-Ausdruckskonzentraten zu finden. Es ist dialektische Korrespondenz zwischen den knapp drei Jahrhunderten Musikgeschichte, die aus einer höchst bewussten Musizierhaltung resultiert.
Gleich die Einstiegs-"Cantilène" des Duo Concertant erscheint wie ein geisterhaftes Zusammentreffen von Vergangenheit und Gegenwart, bei dem Kavakos mit strenger Artikulation eine archaische Intensität entwickelt, die dem hartnäckig motorisch-modernen Klavierpassagenwerk widersprechen zu wollen scheint. Hier wie auch in der noch populäreren "Suite Italienne" gerät die Spurenlese nicht mehr leichtgewichtig. Stattdessen wird die musikalische Substanz und Struktur ungemein konturenreich und unverschnörkelt in einen Spannungs- und Sinnzusammenhang gebracht, der sich schließlich bis zu Bach zurückverfolgen lässt. Wenn die "Dithyrambe" (Duo Concertant) langsam in herber Nachtstimmung entschwindet, entfaltet sich gleich die "Allemande" der Partita Nr. 1 h-Moll behutsam, kontrolliert, aber nie ohne die nötige Eindringlichkeit. Dekorative Klischees (Strawinski) und auf technische Vollkommenheit ausgerichteter Glanz (Bach) - all diese Standards fehlen bei Leonidas Kavakos. Der Gewinn ist aber deshalb umso größer.

Guido Fischer, 12.03.2005



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