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Modest Mussorgski, Béla Bartók, Igor Strawinski

Eine Nacht auf dem Kahlen Berge, Der wunderbare Mandarin, Le sacre du printemps

Los Angeles Philharmonic, Esa-Pekka Salonen

DG/Universal 477 6198
(64 Min., 12/2006) 1 CD

Es sind drei Orchesterschlager, bei dem jeder Dirigent die Nerven bewahren und jedes Orchester auf der Hut sein muss. Angesichts der heftig zuckenden Rhythmen und tosenden Klangfarbenballungen, die quer durch die Partituren von Mussorgski, Bartók und Strawinski ziehen. Wer da nur für eine Sekunde die Zügel lockert und den Durchblick verliert, hat schon verloren: Dann fällt alles wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Als komponierender Dirigent bzw. dirigierender Komponist kennt der Finne Esa-Pekka Salonen natürlich alle handwerklichen Tücken. Weshalb er bei der Live-Aunahme aus der Disney-Hall in Los Angeles nichts dem Zufall oder gar dem Rausch überlassen hat, als er mit seiner L. A. Philharmonic vielmehr als Sachverwalter ins Geschehen hineingetreten ist, statt sich als wildmähniger Dompteur hineinzuwerfen. Zwar hat damit Bartóks Konzertsuite "Der wunderbare Mandarin" etwas von ihrer Suggestivität eingebüßt. Und auch Strawinskis "Le Sacre du Printemps" hat man selten so unhektisch erlebt. Mit skandinavischer Unterkühltheit sollte man aber Salonens unbedingten Willen zur Objektivität dennoch nicht verwechseln.
Vielmehr will Salonen – und da ist er Pierre Boulez durchaus ähnlich – mit Klischees aufräumen, die Streben zurechtrücken und jene Schrauben wieder anziehen, die sich im Laufe der zahllosen aufführungspraktischen Belastungstests etwas gelockert haben. Und bei Modest Mussorgskis "Eine Nacht auf dem Kahlen Berge" entschied sich Salonen daher auch konsequenterweise für die Originalfassung und nicht für das von Rimsky-Korsakow bearbeitete, populäre Pasticcio. Trotz reichlichen Schnittes in den Blechbläsern und im Schlagwerk sowie der exakt getimeten Beschleunigungen in den Streichern verkommt dieser Hexensabbath aber nicht zum rein perfekten Show-Piece, sondern besitzt genügend diabolischen Dampf. Auch in Bartóks "Wunderbaren Mandarin" verblüffen bei aller perfekt sitzenden Klangportionierung immerhin die wie selbstverständlich wirkenden Farbeffekte, bekommt man hier die Erregtheit mit allerfeinstem, modernem Orchesterbesteck in den Griff. Strawinskis "Le Sacre du Printemps" fehlt dagegen dann doch die notwendige dramatische Überhitztheit, wird das widerborstige Temperamentsbündel auf seine (glänzend inszenierten) Perspektivwechsel samt ihrer äußersten Transparenz reduziert. Das alles besitzt einerseits enormen Reiz, weil man jetzt jedes irisierende Ächzen wahrnimmt (Introduktion "Le Sacrifice"). Aber mit der Boulez-Einspielung wie auch der älteren Aufnahme von Georg Solti mit dem Chicago Symphony Orchestra ist diese Art von Formanalyse eigentlich schon bestens abgedeckt.

Guido Fischer, 12.01.2007



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