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Heinrich Schütz

Opus ultimum (Schwanengesang)

Collegium Vocale Gent, Concerto Palatino, Philippe Herreweghe

harmonia mundi HMC 901895.96
(89 Min., 4/2005) 2 CDs

86 Jahre alt war der Dresdner Hofkapellmeister Heinrich Schütz, als er im Jahre 1670 einen Schlusspunkt unter sein gewaltiges Lebenswerk setzte: Wohl er selbst bezeichnete die Vertonung des 176 Verse langen 119. Psalms in elf doppelchörigen Motetten zuzüglich eines deutschen Magnificats und einer Vertonung des 100. Psalms als "Schwanengesang". Das scheinbar ohne Auftrag komponierte Alterswerk scheint in Dresden kaum mehr auf großes Interesse gestoßen zu sein: Eine Aufführung ist nicht belegt. Bald ging das Aufführungsmaterial, 9 Stimmbücher (8 Vokalstimmen und Continuo), verloren und tauchte erst im Jahre 1900 in einer Kirche in Guben unvollständig wieder auf, um dann erneut für Jahrzehnte von der Bildfläche zu verschwinden; erst in den 70er Jahren entdeckte ein Musikwissenschaftler das Material ein zweites Mal und besorgte eine moderne Ausgabe, für die die verlorene Sopran- und Tenorstimme des zweiten Chores beider Chöre rekonstruiert werden mussten. Eine reichlich trübselige Rezeptionsgeschichte für ein so faszinierendes Werk – sie hat in jüngerer Zeit in diskografischer Hinsicht ihre Fortsetzung gefunden, denn es existierte bisher eigentlich keine wirklich überzeugende Einspielung des "Schwanengesangs". Das hat sich mit Philippe Herreweghes Projekt nun endlich grundlegend geändert.
Mit einem erstklassigen Vokal- und Instrumentalensemble gelingt Herreweghe eine Einspielung, die Belegcharakter hat. An der Spitze jeder der beiden mit je 12 Sängerinnen und Sängern besetzten Vokalgruppen steht ein Solistenensemble, das häufig auch allein zum Einsatz kommt. Colla parte spielen ein Bläser- bzw. ein Streicherquartett, ersteres mit Zink und drei Posaunen, letzteres mit Gamben besetzt; die Continuogruppe enthält neben der Orgel auch eine Laute als Akkordinstrument. Mit diesen Kräften lässt sich die von Schütz intendierte Farbenvielfalt der Ausführung (die in der Partitur nicht im Detail festgelegt ist, sondern der Kreativität des Ensembles anheim gestellt ist) wahrlich aufs Reichhaltigste verwirklichen: Vom intimen Vokalquartettklang bis zum opulenten Tutti-Rausch aller Beteiligten reicht das breite Spektrum der Möglichkeiten, die Herreweghe geschickt nutzt, dabei immer die Sprache sowie die von ihren Deklamationsgesetzten und ihren Affekten gezeugte rhetorische Qualität der Musik in der Vordergrund stellend. Es entsteht eine quasi vollkommene Ausgewogenheit zwischen rhetorischer Prägnanz und Klangschönheit. Mehr kann man sich wahrlich nicht wünschen.

Michael Wersin, 27.08.2007



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