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Isaac Schwartz

Yellow Stars

Russische Philharmoniker, Vladimir Spivakov

Capriccio/Delta Music 93 508
(57 Min., 5/2004) 1 DVD, Format 4:3, DVD 5, Region Code 0

Bilder aus jüdischen Ghettos, aus dem Berlin der Nazizeit, aus Warschau und anderen polnischen Städten; Menschen, die gedemütigt werden, zusammengetrieben in Lagern, abtransportiert. Immer wieder Gesichter: Ängstliche, traurige, zuversichtliche, fröhliche ... was mag aus all diesen Menschen geworden sein? Viele von ihnen, das ist beklemmende Gewissheit, sind von den Nazi-Schergen ermordet worden. Individuelles Leid ist in seiner millionenfachen Potenzierung kaum adäquat nacherlebbar; immer kann man sich nur annähern, über historische Informationen, Lebensberichte, Dokumentationen ... und eben über filmische und fotografische Bilder, wie sie für diesen Film von der in New York lebenden Medienkünstlerin Joan Grossman aussagekräftig zusammengestellt wurden, kombiniert u. a. mit wundervollen eigenen Aufnahmen aus Ostpolen.
Grossmans visuelles Kunstwerk geht eine nahtlose Verbindung ein mit der Musik des russisch-jüdischen Komponisten Isaac Schwartz (geb. 1923), der seinen Vater im Konzentrationslager verlor und mit dem Rest der Familie die Verbannung nach Kirgisien zu erdulden hatte: Gefördert und finanziell unterstützt von Dimitri Schostakowitsch, entwickelte er sich nach dem 2. Weltkrieg zu einem begehrten Filmmusikkomponisten. Mit dem im Jahre 2000 in St. Petersburg uraufgeführten siebensätzigen Instrumentalkonzert "Gelbe Sterne", das den Untertitel "Purimspiel im Ghetto" trägt, erfüllte er sich selbst den Wunsch, noch einmal zum sinfonisch-konzertanten Schaffen zurückzukehren. Er schuf unter Verwendung geistlicher und weltlicher jüdischer Musik ein eindringliches Werk, bei dem keinesfalls kompositorische Innovation im Vordergrund steht – sein Stil ist durch und durch der Tonalität verhaftet, erinnert passagenweise an Gustav Mahlers Sinfonien –, sondern vielmehr die möglichst plastische Vermittlung jüdischen Lebensgefühls in der Bedrängung: Mehr als nur ein Funken unzerstörbarer Lebensfreude, melancholiegesättigt, als Ergebnis jahrhundertelanger Erfahrung mit Leid, Verfemung und Verfolgung; musikalisches Abbild einer Kultur, in der die Bewältigung kollektiver und individueller Katastrophen zum täglich Brot gehört. Mitreißend und bewegend, besonders auch durch die beigefügten Bilder Joan Grossmans, obwohl doch eigentlich mehr "Filmmusik" (vor dem Hintergrund von im Kopf lange mit sich herumgetragenen Bildern) als konzertant-sinfonisches Werk.

Michael Wersin, 13.08.2005



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