Responsive image
Wilhelm Petersen

Lieder

Hans Christoph Begemann, Matthias Gräff-Schestag

Eigenart/Tacet 10280
(71 Min., 5/2001) 1 CD

Was kann einem noch begegnen, wenn man sich seit früher Jugend mit dem Kunstlied-Repertoire des 19. und 20. Jahrhunderts beschäftigt und über eine große Noten- und Schallplattensammlung sowie reichlich Erfahrung verfügt? In Antiquariaten aufzufindende Liederalben aus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts enthalten unendlich viel Belangloses, das seine Entstehenszeit nur wenige Jahre überlebt hat, und Werner Oehlmann listete in seinem "Liedführer" (Reclam) gewissenhaft die Namen der dazu gehörigen Komponisten neben vielen anderen vergessenen auf.
Den Namen auf der Hülle dieser CD allerdings, Wilhelm Petersen, suchte ich sowohl in meinem CD-Regal als auch bei Oehlmann vergeblich. Im Selbstverlag produzierten der Bariton Hans Christoph Begemann und der Pianist Matthias Gräff-Schestag einige Lieder dieses 1890 geborenen und 1957 gestorbenen Komponisten. Und was da aus dem Lautsprecher tönt, fasziniert vom ersten Takt an.
Eine ganz eigenständige Tonsprache fand Petersen für Texte aus Shakespeare-Dramen, aus des Knaben Wunderhorn sowie aus Gedichtsammlungen Klopstocks und anderer Dichter. Seine Satzweise bleibt immer tonal, bedient sich aber einer erweiterten Harmonik und einer vielfältig-einfallsreichen, textnahen Motivik, die nicht im Geringsten epigonal, dafür jedoch ungemein ansprechend ist. Eine tiefe Ernsthaftigkeit, eine bewegende Aussagekraft und -fähigkeit durchzieht Petersens Lieder selbst in heiteren Momenten.
Begemann und Gräff-Schestag sind mit höchstem Engagement bei der Sache, ihnen gelingt die Vermittlung der unbekannten Werke in erstklassiger Weise. Begemann verfügt über eine dunkel-kraftvolle Baritonstimme, der er zahlreiche Nuancen und Farben vom satten Forte auch in mittlerer und tiefer Lage bis hin zum zarten Kopfstimm-Klang in der Höhe zu entlocken vermag. Gräff-Schestag begleitet sensibel, technisch untadelig und gestalterisch inspiriert.
Und Petersen? Über seinen Lebensweg berichtet das Beiheft leider nur fragmentarisch. Wenige Zeilen finden sich bei Riemann und in der MGG: Sein Studium absolvierte er in München, unter anderen bei Felix Mottl, und seine Hauptbeschäftigung fand er wohl als Kompositionslehrer an der Mannheimer Musikhochschule, die er zwei Jahre vor seinem recht frühen Tod verließ. Weitere Details harren der Wiederentdeckung - gemeinsam mit weiteren Werken Petersens.

[Matthias Gräff-Schestag, der Pianist dieser CD, hat uns als Reaktion auf die Rezension folgendes Buch empfohlen: Wolfgang Mechsner: Wilhelm Petersen, Leben und Werk, mit thematischem Werkverzeichnis. Die Redaktion.]

Michael Wersin, 04.04.2002



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Werk und Biografie: Immer wieder führt dieses Spannungsfeld zu Einsichten in Komponistenleben, die Rätsel aufgeben oder einen zumindest staunen machen. Nikolai Mjaskowski zum Beispiel kam aus einer russischen Offiziersfamilie, ging auf die Kadettenschule, später auf die Petersburger Akademie für militärisches Ingenieurwesen und wurde anschließend, wie sein Vater, Offizier. Daneben aber komponierte er, und dieses Oeuvre hat mit Drill und militärischer Strenge so gar nichts zu tun. […] mehr »


Top