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Ludwig van Beethoven

Klavierkonzerte Nr. 1 op. 15 u. 3 op. 37

Mikhail Pletnev, Russisches Nationalorchester, Christian Gansch

DG/Universal 477 6415
(68 Min., 9/2006) 1 CD

Man hat es geahnt: Wenn Mikhail Pletnev und Beethoven aufeinandertreffen, wird nichts so sein, wie man es gewohnt ist. Eigenwillige Akzente und Rubati, dramaturgisch umgeleitete Spannungen und damit radikale Abnabelungsprozesse von liebgewonnenen Klischees – Pletnev ist beim Auftakt der Einspielung sämtlicher Klavierkonzerte Beethovens genau dieser unvermeintliche Eigenbrödler und "Exot", auf den man mit Gewinn jede Wette hätte abschließen können. Was Pletnev allein auf die von Christian Gansch stürmisch und stramm dirigierte Orchestereinleitung beim ersten Satz des ersten Klavierkonzertes C-Dur op. 15 folgen lässt, ist mehr ein schüchterner Eintritt als ein selbstbewusstes "Hallo, hier bin ich!". Mit einem Übermaß an Nachdenklichkeit in dieser kleinen und doch eigentlich feinen Soloszene tastet sich Pletnev an den Satz heran, nimmt er das virtuose Passagenwerk eher widerwillig als formale Notwendigkeit an. Und wenn man glaubt, der Motor wäre nun in Gang gekommen, ist das Seitenthema auch schon da, in dem Pletnev die Bässe hineinfahren lässt, als ob der Mozart’sche Komtur höchstselbst neben ihm gesessen hätte. Bei diesem Livemitschnitt von dem Bonner Beethovenfest 2006, der bestes Beispiel dafür ist, dass Pletnev unter allen Aufnahmebedingungen nie unter Niveau spielt und stets gedankentief bei der Sache ist.
Gegen den Strich bürstet Pletnev den zum Hausgott gekürten Beethoven aber genauso wenig wie zuletzt die Klaviersonaten Mozarts. Vielmehr sind es die sich erst nach und nach erschließenden Gestaltungsmittel, die für eine klangphysiognomisch plausible Erzählhaltung abseits des Mainstreams sorgen. Das "Largo" verliert bei aller Expressionsverdichtung nichts an innerem Gleichgewicht. Und wenn Pletnev den Finalsatz gar kurzerhand zum Stottern und zum Stillstand bringt, hat das nichts Eigenwilliges, sondern ist nur eine pointierte Referenz an den bärbeißigen Humor Beethovens. Dass Gansch mit dem Russischen Nationalorchester dabei eher als Stichwortgeber fungiert, ist einerseits überraschend und vielleicht auch bisschen enttäuschend. Aber sobald Pletnev wie auch im Klavierkonzert Nr. 3 c-moll op. 37 mit seiner makellosen Technik sowie Phrasierungs- und Pedalisierungskunst eingreift, hat er sowieso auf Anhieb alle Trümpfe in der Hand. Das Kantable und sogar Arpeggiengewebe ist im "Largo" von einer fesselnden Schattenhaftigkeit (wenngleich das kostbare Figurenwerk zu Beginn des Soloklaviers eine Spur zu chopinesk daherkommt). Mit dem "Rondo-Finale" findet Pletnev schließlich zu einer kultivierten Hemdsärmligkeit und zu synkopisiert frechen Tanzeinlagen, die weniger auf das pure Amüsement aus sind als auf das Erlebnis "Beethoven". Und das ist von der ersten bis zur letzten Sekunde garantiert.

Guido Fischer, 16.06.2007



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