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Ernest Chausson, Maurice Ravel, Claude Debussy

Poèmes de l’amour u.a.

Susan Graham, BBC Symphony Orchestra, Yan Pascal Tortelier

Warner Classics 2564 61938-2
(62 Min., 12/2004) 1 CD

Ravels dreiteiliger Orchesterlieder-Zyklus "Shéhérazade" auf Gedichte von Arthur Leclère entstand im Jahre 1903, noch unter dem Einfluss von Debussys Oper Pelléas et Mélisande, von der Ravel im Jahr davor höchst beeindruckt gewesen war. Es ist außerdem die Asien-Sehnsucht, wie sie schon seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zahlreiche Dichter und Komponisten inspiriert hatte, die auch Ravel auf der Basis einer entsprechenden Textvorlage eine faszinierend fremde, von unvertrauten Farben, Gerüchen und Lauten geprägte Welt herbeizaubern lässt. Welch dankbare, aber auch welch schwierige Aufgabe für alle beteiligten Musiker, diesen von synästhetischen Eindrücken geprägten poetisch-musikalischen Kosmos nachzuschöpfen! Susan Graham, Yan Pascal Tortelier und das BBC Symphony Orchestra machen das eigentlich sehr schön: Äußerst homogen und delikat der Klang des Orchesters, wunderbar anschmiegsam der edle Mezzosopran der Sängerin. Aber es lohnt sich ein Vergleich mit Janet Bakers Einspielung aus dem Jahre 1967, bei der Sir John Barbirolli das New Philharmonia Orchestra dirigierte. Das Ergebnis ist frappierend: Wie viel tiefer noch vermochten diese Künstler in Ravels Musik hineinzusteigen! Janet Baker verfügte über die eindeutig breitere Farbenpalette, die sie zur Charakterisierung feinster Textnuancen einzusetzen verstand. Man höre nur ihr leicht enttäuschtes, aber dennoch überaus gelassenes "mais non" im letzten Lied; man höre auch, wie sie ihre Stimme mit dem Klang einzelner Orchesterinstrumente vollkommen zu verschmelzen vermochte, um dann plötzlich wie hinter einem Vorhang hervorzutreten. Und man beachte, wie viel differenzierter als Graham sie auch mit der französischen Sprache zu spielen in der Lage war. Aufgerauter und, so scheint es beim ersten Hören, vielleicht weniger kompakt ist der Klang des Orchesters. Barbirolli entgeht dadurch jedoch restlos der Gefahr, nur Zuckerguss zu produzieren; er setzt im Einklang mit gestalterischen Details der Sängerin Akzente, die man hinsichtlich ihrer Nachdrücklichkeit und Zielgenauigkeit bei Tortelier vermisst.
Auch im Falle von Chaussons "Poème de l’amour et de la mer" würde der Rezensent aus ähnlichen Gründen Janet Bakers Vergleichseinspielung den Vorzug geben, obwohl Janet Baker hier stimmlich nicht mehr so frisch und unbeschwert agieren konnte wie beim knapp zehn Jahre früher eingespielten Ravel. Allerdings wagt auch André Previn, der hier das London Symphony Orchestra dirigierte, stärker hinter der Partitur hervorzutreten als Tortelier. Bleiben auf der vorliegenden CD noch vier Debussy-Lieder, von John Adams’ recht geschickt instrumentiert: Der amerikanische Komponist fertigte – gewollt oder ungewollt? – nicht einfach eine Stilkopie an, sondern gibt dem Orchestersatz durchaus seine eigene Handschrift – reizvoll!

Michael Wersin, 09.07.2005



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