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Gautier de Coincy

The Miracles Of Notre-Dame

The Harp Consort, Andrew Lawrence-King

helikon harmonia mundi HMU 907317
(70 Min., 6/1999) 1 CD

Trotz großer Fortschritte in der Mittelalter-Forschung bleibt die alltägliche Lebenswirklichkeit des 13. Jahrhunderts - zumindest für den Nicht-Fachmann - im Einzelnen schwer vorstellbar. Sehr fromm seien die Menschen gewesen, heißt es oft; zweifellos handelte es sich dabei allerdings um eine Frömmigkeit, die genuin Christliches stark mit Elementen des Aberglaubens vermischte, denn auch viele der Geistlichen verfügten keineswegs über jenes Maß an Bildung, das nötig gewesen wäre, um der Gemeinde eine differenzierte christliche Lehre zu vermitteln. Sicher ist auch, dass der sakrale und der profane Bereich des Daseins nicht im mindesten so getrennt gesehen wurden wie Jahrhunderte später üblich - wir wundern uns heute etwa darüber, dass Motetten mit weltlichen Texten liturgische Verwendung gefunden haben. Schon im 13. Jahrhundert machten sich Gelehrte mit "pädagogischem" Impetus diese unmittelbare Nähe weltlicher und geistlicher Inhalte zu Nutze, indem sie zum Beispiel weltliche Liedmelodien mit geistlichen Texten versahen oder Aspekte weltlicher Dichtung in einen neuen, geistlichen Zusammenhang einbrachten.
Einer dieser engagierten Kleriker war Gautier de Coincy (1177-1236), der in der Nähe der französischen Stadt Soissons geboren wurde und zeitlebens in jener Gegend wirksam blieb. Seine Sammlung "Les miracles de Nostre Dame" enthält französische geistliche Dichtung auf der Basis ursprünglich lateinischer Marienwunder-Erzählungen. Geschickt brachte Gautier seine Verse in Verbindung mit weltlichen Weisen, um sie auf diese Weise sangbar und damit populär zu machen. Andrew Lawrence-King und sein Harp Consort nahmen sich dieses außergewöhnlichen mittelalterlichen Opus aufs Überzeugendste an; sie brachten für diese anspruchsvolle Aufgabe reichhaltige Erfahrungen mit der Umsetzung selbstverständlich nur rudimentär überlieferter mittelalterlicher Musik mit: Reizvolle Organum-Techniken und souverän eingesetzte Perkussionsinstrumente bereichern das Liedgut ebenso wie brillant gespielte Saiteninstrumente; manchmal ballen sich die einzelnen Stimmen zu überraschend modernen Klängen zusammen. Letztgültige Sicherheit über die "richtige" Aufführungspraxis solcher Musik wird man wohl nie erlangen können, aber Lawrence-King und sein Ensemble liefern ein seriöseres, fundierteres Ergebnis ab als manche Gruppierung, die eher auf populistische Crossover-Effekte abzielt. Das Hören dieser fantastischen CD jedenfalls ist ach für den kritischen "Konsumenten" ein reines Vergnügen.

Michael Wersin, 16.08.2003



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