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Diego Ortiz

Ad Vesperas

Cantar Lontano, Marco Mencoboni

Alpha/Note 1 ALP108
(71 Min., 6/2005, 7/2005) 1 CD

Mit einem Traktat hat sich der im spanischen Toledo geborene Diego Ortiz (um 1525 bis nach 1570) ins Musikgeschichtsbuch eintragen können. 1553 erschien in Rom in einer spanischen und italienischen Ausgabe das "Tratado de Glossa sobre Cláusulas y otros géneros de puntos en la Música de Violones", das seinerzeit ein bedeutendes Lehrbuch für die Improvisation auf den Streichinstrumenten war. Ansonsten ist von und über Ortiz kaum etwas überliefert, verlieren sich seine Spuren, nachdem er am 15. Juni 1570 seine Anstellung beim Vizekönig in Neapel verloren hatte. Mit dem ihm gewidmeten "Musices liber primus“ (1565) liegt immerhin aus der Feder Ortiz´ eine Sammlung von Motetten und Psalmen vor, die ihn als visionären Traditionalisten ausweist. So finden sich darin ebenso Spuren der Gregorianik wie der frankoflämischen Mehrstimmigkeit. Im Gegensatz zu dieser aber schraubte Ortiz die rhythmische Komplexität zugunsten einer koloristisch reichen Klangraumwirkung zurück.
Dass Ortiz damit nicht zuletzt und trotz der zeitlichen Distanz das Tor hin zu Claudio Monteverdi aufstieß, wird jetzt in den von dem Ensemble Cantar Lontano ausgewählten und mit makelloser Intonationsreinheit umgesetzten Vokalstücken offenkundig. Das Wechselspiel und Ineinandergreifen von Mehrstimmigkeit und homofonen Flächen, von ruhender Ausgeglichenheit und instrumentalen Effekten über Posaunen, Zink und Gamben lassen die Modernität der Renaissance sprechen. Die sechs Instrumental- und Vokalchöre sorgen für einen spektakulären Kontrastreichtum und eine erfüllende Spiritualität, die nicht immer gen Himmel ausgerichtet sein muss. Zwischendurch werden etwa die Psalme Nr. 109 und 116 mit einer geradezu folkloristischen Archaik gewürzt, wie man ihr sogar heute noch bei den Männerchören auf Sardinien und Sizilien begegnen kann.

Guido Fischer, 31.03.2007



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