"Er vermochte eine Folgen von Tönen mit derselben Leichtigkeit anzuordnen, mit der er eine Schachpartie überblickte." Auch der Miterneuerer der französischen Opéra Comique, André-Ernest-Modeste Grétry, war schon verblüfft vom Doppeltalent François-André Danican Philidor (1726-1795). Denn während Philidor mit über 20, entspannt ariosen Bühnenwerke sich von der seinerzeit heftig bekämpften Tragédie Lyrique eines Rameau distanzierte, schrieb er als Schachgroßmeister Geschichte. Seine Zugkombination "d4-f5", mit der er die Königsspringer-Eröffnung weiterdachte, hat bis heute als "Philidor-Verteidigung" ihren festen Platz in allen Taktik-Lehrbüchern. Den Sprung in die Spielpläne hat er aber genauso wenig geschafft, wie beispielsweise das lediglich von seiner musikhistorischen Bedeutung her erwähnenswerte Singspiel "Le Devin du Village" von Rousseau. Mit der dreiaktigen Opéra Comique "Tom Jones", die Philidor 1765 nach dem berühmten Roman "The History of Tom Jones, a Founding" von Henry Fielding komponierte, schließt immerhin jetzt Jean-Claude Malgoire fast in Gänze eine diskografische Lücke. Dem Live-Mitschnitt aus dem Opernhaus in Lausanne, der ursprünglich als Weltersteinspielung gedacht war, fehlt nur leider aus "technischen" (?) Gründen ein Duett am Ende des ersten Aktes.
Philidor hat mit der Geschichte um das Findelkind Tom Jones, das nach langem Hin und Her endlich seine Sophie ehelichen darf, die Gesetzmäßigkeiten der Opéra Comique mehr beherzigt als umgeschrieben. Die bisweilen endlos wirkenden Dialoge (leider bietet das Booklet nur eine französische und englische Libretto-Fassung) werden immerhin durch das spritzige Bühnentreiben aufgewertet. Die zwischengeschalteten Arien schwanken dagegen in ihrem Niveau, die Solo- und Ensembleszenen besitzen nur selten eine so nachdenkliche und dringliche (Mozart)-Größe wie in Sophies "O toi qui ne peut m´entendre". Und gerne hätte man mehr von dieser frechen Volkstümlichkeit wie im A-Cappella-Quartett "A chanter, rire et boire restons", mit der Philidor die "Chansons à boire" der französischen Renaissance zitiert. Auch wenn das Sängerteam nicht unbedingt an seine Grenzen gehen muss, kann es dieser Provinz-Buffa wenigstens soviel Esprit und Charme verleihen, dass dieser "Tom Jones" nicht gleich wieder im Archiv verschwinden sollte.

Guido Fischer, 19.01.2007



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