Responsive image
Pierre de la Rue

Incessament

amarcord

Raumklang/harmonia mundi RK ap 10105
(66 Min., 9/2002, 4/2003) 1 CD

Nicht wenige solistisch besetzte Vokalensembles, die es zu professioneller Meisterschaft unter anderem auf dem Gebiet der Alten Musik gebracht haben, sind ursprünglich aus Spitzen-Knabenchören hervorgegangen: Gemeinsam hat man dort zunächst mit Kinder-, dann mit Männerstimme gesungen, große Mengen an Repertoire kennen gelernt und über Jahre hinweg eine Sensibilität für Ensemblequalitäten entwickelt, wie man sie wohl auf keinerlei andere Art so umfassend und so frühzeitig hätte erlangen können. Gelingt es dann, Chorfreundschaften zu tragfähigen beruflich relevanten Verbindungen auszubauen und, was das wichtigste ist, eine hinsichtlich des stimmlichen wie musikalischen Niveaus sowie bezüglich der professionellen Zielsetzung auf gleicher Augenhöhe befindliche Formation zu bilden, die sich auch noch aus den erforderlichen verschiedenen Stimmlagen vom tiefen Bass bis zum hohen (bzw. Counter-)Tenor zusammensetzt, dann steht dem Erfolg nichts mehr im Wege. Klingt kompliziert, ist es auch, gelingt aber doch immer wieder einmal. Eines der vielversprechendsten Ensembles dieser Art scheint zurzeit amarcord zu sein, bestehend aus fünf ehemaligen Thomanern und seit 1995 konstant in der jetzigen Besetzung unterwegs. Mit Holger Krause verfügt man über einen tiefen Bassisten mit knackiger, sehr tragfähiger Stimme (fast das wertvollste Kapital einer solchen Gruppierung), mit Wolfram Lattke über einen Tenor mit Counter-Qualitäten, der allenfalls in der Vollhöhe gelegentlich ein wenig heiser, sonst aber stets sehr entspannt und locker klingt. Der Mittelbau fügt sich klangfarblich sehr gut ein; insgesamt sticht niemand hervor, und dennoch ist das akustische Gesamtbild ein Miteinander von Individuen, nicht ein Orgel-artig anonymes Einerlei. Nicht nur mit der klanglichen Homogenität, sondern auch mit der Intonation nimmt man es sehr genau bei amarcord: In dieser Hinsicht rangiert das Ensemble an der Spitze dessen, was es derzeit zu hören gibt.
Wenn dann noch eine intelligente, eine rein musikalisch wie auch marktorientiert sinnvolle und überzeugende Programmgestaltung hinzukommt, bleibt eigentlich kein Wunsch offen: Mit der Wahl von Pierre de la Rues wundervoller Parodiemesse "Incessament mon povre cueur lamente" (samt zu Grunde liegender weltlicher Chansons und einer geistlichen Kontrafaktur) stellt amarcord ein überaus hörenswertes Stück vor, das bisher noch niemals aufgenommen wurde. Für die ergänzenden gregorianischen Propriumsstücke aus dem Moosburger Graduale wurde Godehard Joppich, einer der prominentesten Semiologen, als Berater und Beihefttextautor hinzugezogen - Hut ab, besser kann man es nicht machen.

Michael Wersin, 18.02.2006



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Musik vom Land, statt Musikland: Wenn man sich die britische Musikgeschichte so anschaut, scheint an tatkräftigen Stimmen aus den eigenen Reihen zwischen Henry Purcell und Edward Elgar ein riesiges Loch zu klaffen. Ein Loch, in dem sich vor allem zugereiste Berühmtheiten tummelten, von Händel und Haydn über Mendelssohn bis Weber – die sich übrigens in London alle pudelwohl fühlten! Die Rede vom „Land ohne Musik“ ist ein geflügeltes Wort, seit Oscar Schmitz 1904 seinen Aufsatz zu […] mehr »


Top