Die Geheimnisse und Gefahren exotischer Kulturen in fernen Ländern haben auf das europäische Publikum seit jeher einen starken Reiz ausgeübt. Entsprechend oft thematisierten Schriftsteller, Maler und Musiker die Begegnung mit dem solcherart Unbekannten; dabei spielten Kreativität und Phantasie des Schöpfers gewöhnlich eine wesentlich größere Rolle als exakte wissenschaftliche Erkenntnisse. Als Léo Delibes Anfang der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts den Auftrag zur Vertonung eines zu diesem Genre gehörigen Romans von Julien Viaud erhielt, konnten die Librettisten die Handlung ohne weiteres von Polynesien nach Indien verlegen, ohne dass dadurch die Substanz des Geschehens beeinträchtigt worden wäre. 1883 wurde Lakmé, die Geschichte der verhängnisvollen Liebe einer Brahmanentochter zu dem jungen englischen Offizier Gérald, an der Pariser Opéra Comique aus der Taufe gehoben und gehörte augenblicklich zum zentralen Repertoire des Hauses. Delibes hatte genügend Gespür für die Bedürfnisse des Publikums, um die exotisierenden Elemente der Musik in Grenzen zu halten - wo er sich um Lokalkolorit bemüht, etwa in der berühmten Glöckchen-Arie, ist er keineswegs am originellsten. Mit eindrucksvoller Könnerschaft gestaltet er den dramatischen Verlauf ebenso spannungsreich wie stringent und stellt der mädchenhaften Inderin einen vor Leidenschaft glühenden englischen Verehrer zur Seite; Koloratur-Akrobatik wird auf diese Weise effektvoll durch große Kantilenen ergänzt.
Die 1952 mit dem Ensemble der Opéra Comique verwirklichte Aufnahme unter Leitung von Georges Sébastian kann ohne Umschweife als beste Aufnahme des Stücks bezeichnet werden: Mado Robin in der Titelpartie ist eines der ganz großen, wenn auch heftig umstrittenen Stimmwunder des 20. Jahrhunderts. Sie bewegt sich mühelos in der dreigestrichenen Oktave und fasziniert durch die eigenartige Schwerelosigkeit ihres Gesangs, welche die zweifellos begrenzte Individualität und persönliche Färbung ihres Materials immer wieder vergessen lässt. Libero de Luca in der Rolle des Gérald begeistert durch Stimmschönheit und Ausdrucksstärke; Jean Borthayre und Jacques Jansen sind jedem Kenner historischer französischer Opernaufnahmen als erstklassige Interpreten vertraut. Die Aufnahme als Ganzes atmet den Geist einer ungebrochenen Aufführungstradition, einer tiefen, selbstverständlichen Vertrautheit mit diesem sicherlich vor allem unterhaltenden, auch hinsichtlich seiner mehr als souveränen Faktur aber nicht zu verachtenden Werks. Seine Wiederveröffentlichung schließt endlich eine gravierende Lücke in der repräsentativen Dokumentation des französischen Opernrepertoires auf Schallplatte.

Michael Wersin, 17.05.2003



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Im Italien des 19. Jahrhunderts ist für Instrumentalisten nicht viel zu holen. Die großen Komponisten dieser Zeit: Alle schrieben sie Oper. Verdi, Puccini, Rossini, Donizetti, es ist zum Verzweifeln (zumindest aus Sicht der Kammermusik- und Orchesterfreunde)! Doch muss man nur ein wenig Schatzgräber-Instinkt mitbringen und gründlich suchen, wie es die Münchener Cellistin Raphaela Gromes und Pianist Julian Riem für ihre Debüt-CD bei Sony getan haben, und man stößt doch auf die eine oder […] mehr »


Top