André Cardinal Destouches – bei diesem Namen läuteten seit 1752 alle Alarmglocken unter den Verfechtern einer neuen Opernästhetik. Angeführt von Rousseau, versuchten die legendären Buffonisten der französischen Tragédie lyrique das überfällige Grab zu schaufeln, um so Platz zu machen für Stoffe und Melodien aus dem wirklichen Leben. Mit seinem berühmten "Lettres sur Omphale" hatte der gelehrte Deutsche in Paris, Friedrich Melchior Grimm, diesen Konflikt angestoßen – als er die Wiederaufführung von Destouches’ Oper "Omphale" zum Anlass nahm, mit einem Musiktheater abzurechnen, das die Glorifizierung des Königs in der Vertonung von antiken Mythen spiegelte. Der Rauch von damals hat sich immerhin mehr als gelegt, erfreuen sich selbst die berühmtesten Objekte der einstigen Attacke wie Lully und Rameau wieder einer wachsenden Popularität auf dem Opernparkett und auf CD. Doch Destouches (1672-1743) ist eine Persona non grata geblieben. Obwohl der Schüler von André Campra insgesamt zehn Bühnenwerke hinterließ, die allesamt nicht nur bei Hofe blendend ankamen, hat sogar ein Barockanimator wie William Christie einen großen Bogen um ihn gemacht. Mit der Weltersteinspielung der Tragédie lyrique "Callirhoé" dürfte Hervé Niquet aber jetzt für den ehemaligen Musketier Destouches endlich die Lanze gebrochen haben.
1712 an der Académie Royale de Musique uraufgeführt und 1743 überarbeitet (diese zweite Fassung liegt der Einspielung zugrunde), ist die Handlung eines dieser klassisch-griechischen Plädoyers für Liebe und Tugendhaftigkeit. Die Königstochter Callirhoé liebt Agénor, wird aber gleichzeitig von dem Hohepriester Corésus begehrt. Und obwohl er mit allen göttlichen Mächten im Bunde steht, macht er zum Schluss selbstlos den Weg frei. Bis zu diesem, hier geradezu verstörend dunkel angelegten Happy End widerlegt Destouches aber mit allen Mitteln das Klischee von einer in rhetorischen Formen und Floskeln erstarrten Operntradition. Lautmalerisch spektakuläre Naturbeschreibungen finden sich zwar genauso wie pastoral charmante Stimmungsbilder, tiefseufzende Streicher und würdevoll ausgekleidete Rezitative. Nur hat Destouches all das so zukunftsweisend durchlüftet, dass es besonders für einen Rameau stilbildend wurde. Die Zwischenspiele sind rhythmisch gelenkig und besitzen mitreißende Verve. Die Chöre bestechen durch eine feierliche Offenheit – und die Arien durch die erweiterte Farbpalette und großzügige Transparenz in ihrer mal sehnsüchtigen, mal furiosen Gangart. Und allein der kurze Chorsatz "Mériton que le dieu" kurz vor Ende des zweiten Aktes könnte mit seinen markant "quakenden" Impulsen glatt als Vorlage für Rameaus Froschoper "Platée" gedient haben. Dass "Callirhoé" jetzt nicht nur die unbeachtete Lücke zwischen Lully und Rameau füllt, sondern als ganz und gar eigenes Meisterwerk Wiederauferstehung feiern kann, ist Hervé Niquet, dem vorzüglichen Sängerteam sowie dem gewohnt agil und nuanciert auftrumpfenden Ensemble Le Concert Spirituel zu verdanken. Und die Alarmglocken der Buffonisten können endgültig eingemottet werden.

Guido Fischer, 16.06.2007



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