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Guillaume Dufay

Missa "Se la face ay pale"

Diabolus in Musica, Antoine Guerber

Alpha/Note 1 051
(67 Min., 9/2003) 1 CD

Guillaume Dufays Missa "Se la face ay pale" kommt eine wichtige musikgeschichtliche Schlüsselposition zu: Das wohl kurz nach 1450 entstandene Werk gehört zu den frühen Beispielen der mehrstimmigen Messzyklus-Bildung mittels eines weltlichen cantus firmus’; dieser entstammt der gleichnamigen dreistimmigen Chanson Dufays und taucht in der vierstimmigen Messe als Tenor auf, wobei Dufay darüber hinaus kein Material aus der Vorlage importierte. Zusammenhang unter den Sätzen stiftet außerdem ein initiales "Motto", eine vornehmlich an den Satzanfängen auftauchende musikalische Floskel.
Trotz seiner Bedeutung wurde das Stück bisher nur selten aufgenommen: Eine frühe Einspielung unter David Munrow ist trotz Neuauflage wieder vergriffen, und die direkte Vorgängeraufnahme unter Nigel Rogers (Nuova Era) scheint derzeit auf Grund unzuverlässigen Vertriebsgebarens des italienischen Labels nicht lieferbar zu sein. Das ist schade: Beide Einspielungen nebeneinander vermitteln nämlich ein umfassenderes Bild der Messe als die vorliegende Neueinspielung allein. Rogers und sein Chiaroscuro-Ensemble fassten das Werk in ihrer solistisch besetzen Version deutlich bewegter auf: Zu den rascheren Tempi korrespondiert eine geschmeidigere, flexiblere Ausgestaltung der einzelnen Linien, begünstigt durch die bei solistischer Ausführung individuelleren Möglichkeiten der Entfaltung des Einzelnen. Die große Crux bei Rogers: Häufige Intonationstrübungen. Antoine Guerber besetzt sein Ensemble doppelt und legt das Stück weitaus ruhiger und objektiver an; hinsichtlich der Intonation agieren seine Sänger weitgehend sicher. Der Vergleich beider Aufnahmen lässt bei Guerber allerdings die Belebtheit des horizontalen Geschehens vermissen. Allzu statisch schleppen sich oft die melodischen Linien dahin, und die eigentlich sehr belebte Satzstruktur spiegelt sich ebenso wenig adäquat wieder wie die Herkunft des cantus firmus aus dem weltlichen Bereich. Letztere nämlich schlägt sich kompositorisch immerhin nieder in der abwechslungsreichen Rhythmik des säkularen Tenors, die Dufay - wenn auch in breiteren Notenwerten - aus der Chanson übernahm, sowie in der ausgelassenen Dreiklangsmelodik am Ende des Tenors, die nicht nur in der Chanson, sondern auch in der Messe die gesamte Satzstruktur maßgeblich auflockert, indem sie die anderen Stimmen zu ähnlichen Figuren inspiriert. Kurzum: Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass zur Zeit Dufays jene später aufkommende strikte Trennung zwischen sakral und profan noch nicht wirklich relevant war, hätte eine aufgeräumtere, weniger würdevolle Gestimmtheit der Messe sehr gut getan.

Michael Wersin, 22.06.2004



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