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Pascal Dusapin

Faustus, The Last Night

Georg Nigl, Urban Malmberg, Robert Wörle u.a., Orchester der Oper Lyon, Jonathan Stockhammer

Naive/Harmonia Mundi 782177
(104 Min., 3/2006) 1 DVD

Für Faustus läuft die Zeit erbarmungslos ab, klammert er sich wie ein Insekt auf dem riesigen Minutenzeiger fest. Voller Verzweiflung versucht er jedoch immer wieder, seine angetretene Höllenfahrt zu stoppen, indem er Mephistopheles nervt und in die Enge drängt. Mit Fragen über das Leben, über das Universum, über alles. Zwischendurch steigt zwar Fausts Gegenspieler gleich zweifach als geklontes Kaninchen aus dem Zifferblatt. Doch was bleibt und kommt, ist nach der an "God" und "Godot" angelegten Figur Togod ein schlichtes "Nichts". Was bleibt noch? Die Erinnerung an eine raumgreifende Metapher in Form einer Uhr, die vom Bühnenbildteam Michael Elmgreen und Ingar Dragset als Spielfläche genutzt wird, und an die sich minimalistisch zwischen Surrealem und Außerirdischem bewegende Regie von Peter Mussbach. Der Mut des französischen Erfolgskomponisten Pascal Dusapin, mit seiner Oper "Faustus, The Last Night" die unendlich, von Gounod über Eisler und Pousseur bis Schnittke vertonte Gelehrtengeschichte radikal neu zu schreiben, hat dagegen die Erwartungen nicht erfüllen können.
2006 in Koproduktion mit der Oper Lyon in Berlin uraufgeführt, hat Dusapin sich als ein Bienenfleißarbeiter beweisen können, der für das Libretto nicht nur Christopher Marlowes "Tragical History of Doctor Faustus" angezapft hat, sondern gleich noch Dante, Shakespeare, Hölderlin, Gertrude Stein, Herman Melville, Ingmar Bergman und Beckett. Ein Querschnitt durch die Weltliteratur also, um den ewigen Kreislauf der scheiternden Menschen erst zu durchbrechen und dann wieder zu bestätigen. Dass der Konfliktherd zwischen Faustus und Mephisto, die in der Inszenierung zu Zwillingen mutiert sind, unter Hochdruck steht, behauptet Dusapin dabei mit einer Klangsprache, die in ihrer überavancierten Haltung und trotz ihrer Wirksamkeit schon leicht Patina angesetzt hat. Mal dehnen sich eben Rhythmen und Klangfarben exzessiv, geradezu manisch motorisch aus. Dann wieder gibt es stelenartige Gebilde von ernüchternder Einfachheit, die unmittelbaren Zauber besitzt. Für die Sänger sind die komplex-rigorosen, ständig anschwellenden Figurationen und plötzlich dazwischenfahrenden Momenten der komprimierten Einkehr natürlich nicht einfach aus dem Ärmel zu schütteln. Weshalb wohl als stärkste Erinnerung die an ein einfach exzellentes und belastbares Bühnenteam bleiben wird.

Guido Fischer, 26.01.2007



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