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Conlon Nancarrow

Studies Nr. 13 - 32

Bösendorfer Grand Piano mit Ampico-Selbstspieleinrichtung

MDG/Codaex 645 1403-2
(68 Min., 6/2005) 1 CD

Da könnte man im Genlabor ein noch sonst so furchtloses Tastenrennpferd züchten, das alle Künste und Kniffe eines Franz Liszt mit denen Leopold Godowskys, Sergej Prokofjews, Konstantin Scherbakows und Marc-André Hamelins ineinander vereint – beim "Canon X" würden sofort die zehn Finger streiken. Denn was da in drei Minuten in Bewegung gesetzt werden muss, spottet jeder menschlichen Spielbarkeit. Mit gleich vier Tönen in der Sekunde nimmt der Bass langsam Anlauf und steuert auf die ihm entgegen rasende Diskantstimme zu, die 39 Anschläge pro Sekunde drauf hat. Und nachdem man sich kurz im Geschwindigkeitsrausch begegnet war, steht dieser zweistimmige Kanon mit 120 Tönen in der Sekunde kurz vor dem Kollaps. Wer es allein mit diesen Zeitschichtungen höchstpersönlich aufnehmen will, hat schon verloren. Weshalb ihr Schöpfer, der Amerikaner Conlon Nancarrow, auch Erbarmen zeigte und ab den späten 1940er Jahren rund 50 solcher pianistischen Hochdrahtseilakte gleich für das nie ins Schwitzen kommende Selbstspielklavier komponierte. In fleißiger Heim- und Handarbeit übersäte Nancarrow so die Papierrollen mit kleinen Löchern, die sämtliche Vorstellungen von Rhythmus, Tempo und Metrik und Griffkombinationen über den Haufen warfen. Kaum verwunderlich, dass selbst die Fachwelt nicht ihren Ohren traute, nachdem Nancarrow 1988 von seinem Freund György Ligeti aus dem mexikanischen Domizil nach Köln gelockt worden war – wo man beiden ein Festival mit dem treffenden Titel "Musik und Maschine" widmete.
Für dieses Ereignis hatte der Instrumentensammler Jürgen Hocker jenen alten Bösendorfer mit Ampico-Selbstspielvorrichtung in Antwerpen aufgetrieben, der auch jetzt auf die Belastungspiste geschickt wurde. Anlässlich der Gesamteinspielung von sämtlichen "Player Piano Studies". Und allein der zweite Teil mit den Studies Nr.13-32 lässt erahnen, warum man im beginnenden Zeitalter der Supervirtuosen den Paganinis & Co. einen Pakt mit dem Teufel andichtete. So ungeheuerlich verzweigen sich bis zu acht Stimmen in unterschiedlichen Geschwindigkeiten (Nr. 27), verwickelt sich eine leichte Ragtime-Motivik in einen Tsunami aus Verlangsamungen und Beschleunigungen (Nr. 23), ist die Nr. 29 ein wahres Knallfeuerwerk aus Repetitionen. Und die Nr. 30 für präpariertes Klavier ist trotz ihrer Phantastik einfach eine bodenständige Antwort auf die Spiritualität, die noch ein John Cage mit seinen Klangverfremdungen im Ohr hatte. Nach der Nr. 32 heißt es dann erst einmal: durchatmen.

Guido Fischer, 24.03.2007



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