Frank Martin war schon über achtzig, als er sich 1972 die Vertonung des liturgischen Requiem-Textes zutraute und zumutete. Die mittelalterlichen Bilder der Sequenz "Dies irae" hatten für ihn nichts an Aussagekraft verloren, und er entschloss sich, der Angst, dem Schrecken, den Gewissensqualen und Hoffnungen, die sein Verhältnis zum Tod bestimmten, komponierend gegenüberzutreten. Herausgekommen ist ein meditatives, satztechnisch reduziertes und komprimiertes Werk, das neben starker Konzentration auch Ermüdung hinsichtlich aufwändiger Prachtentfaltung und musikalischer Geschwätzigkeit erahnen lässt. Komplexe Akkorde und darüber ausgespannte, fast rezitativische Vokallinien beleuchten fast ständig den Text, und nur selten rafft sich das gesamte Ensemble zu einem gemeinsamen Ausruf auf.
Diese Aufnahme des Stücks leidet an mancher allzumenschlichen Schwäche: Nicht einfach ist die durchsichtige Satzstruktur zusammenzuhalten, und eben das misslingt bisweilen, wenn der Chor mal laienhaft klingt oder ein Solist seine Stimme nicht ganz unter Kontrolle hat. Auch die Verschmelzung aller Klangelemente vom Cembalo über Gesang und Orchester bis hin zur Orgel ist nicht immer ganz gelungen. Daneben gibt es jedoch auch viele schöne und dichte Momente, die den Hörer immer wieder zur eigentlichen Aussage des Werkes zurückführen. Eine in sich geschlossene Gesamtschau dieser schwierigen Partitur ist jedoch nicht gelungen.

Michael Wersin, 23.05.2002



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