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Bohuslav Martinů, Leoš Janáček

Die Fresken des Piero della Francesco, Doppelkonzert u.a.

Thomas Walker, div. Instrumentalsolisten, BBC Symphony Chorus, BBC Symphony Orchestra, Prager Philharmoniker u.a., Andrew Davis, Petr Fiala u.a.

Warner 2564 61951-2
(65 Min., 7/2004, 8/2004) 1 CD

Die beiden Tschechen Leos Janáček und Bohuslav Martinu verbindet ein Schicksal: im westlichen Konzertsaal gelten sie fast als One-Hit-Wonder. Während von Janáček gerade mal seine Sinfonietta veritable Popularität erlangt hat, taucht alle Jahre wieder nur Martinus Konzert für doppeltes Streichorchester, Klavier und Pauken auf den Programmen auf. So wie in der englischen BBC Proms-Saison 2004, als man sich der böhmisch-mährischen Moderne widmete. Die Live-Mitschnitte aus der Londoner Royal Albert Hall fördern dabei Erstaunliches zutage. Was zuallerst und erneut für Martinus Doppelkonzert gilt, dass in seiner angespannten Emotionalität und energiegeladenen Expressivität nichts von der heraufziehenden Katastrophe verschweigt, die Martinu am Vorabend des Zweiten Weltkrieges erahnte. In der Aufnahme, die mehrere Orchester, Dirigenten und Solisten vereint, macht daraus die Prager Philharmonie mit ihrer straffen und spröden Gangart ein unter die Haut gehendes Schreckensszenario.
Eine ähnlich beengende Stimmung besitzen gleichermaßen die "Die Fresken von Piero della Francesca", die Martinu 1955 komponierte. Wenigstens in den ersten Takten des Eröffnungs-Andante, das sich im Laufe als wahres Chamäleon entpuppt. Wenn Strauss'sche Orgiastik hollywoodesk aufleuchtet und Schneisen perkussiv geschlagen werden. Martinu wirft hier wie in den beiden Nachfolgesätzen mit den Klangfarben und selbst leicht jazzoiden Rhythmen nur so um sich, um halbwegs dem italienischen Renaissance-Meister nahe zu kommen. Ganz traditionell hingegen zeigte sich Leos Janáček 1944 als Volksliedsammler, arrangierte er seine sechs "Hukvalder Lieder" für gemischten Chor. Und auch das "Unser Vater" für Chor, Harfe und Orgel von 1906 steht herzerwärmend und -ergreifend zwischen Nachromantik und Folklore - bis plötzlich "Und vergib uns unsere Schuld" jenen minimalistischen Drive bekommt, der doch eigentlich erst 60 Jahre später entdeckt werden sollte.

Guido Fischer, 09.07.2005



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