Responsive image
Joseph Marx

Orchestral Songs

Angela Maria Blasi, Stella Doufexis, Bochumer Symphoniker, Steven Sloane

ASV/Musikwelt DCA 1164
(56 Min., 9/2003) 1 CD

Der 1882 in Graz geborene Joseph Marx gehört zu jener großen Gruppe von Komponisten, die am Beginn des 20. Jahrhunderts die Wende zur Atonalität nicht mit vollzogen und stattdessen einer postromantischen Tonsprache treu blieben. Marx, der zusätzlich zu seiner musikalischen Ausbildung den Doktorgrad im Fach Philosophie erlangte, spielte später u. a. als Kompositionslehrer im Wiener Hochschulleben eine wichtige Rolle; er starb im Jahre 1964. Obwohl seine sängerisch äußerst dankbaren und effektvollen Lieder sich zeitweise großer Beliebtheit bei den Interpreten erfreuten, blieb ihm, höchstwahrscheinlich auf Grund seiner konservativen stilistischen Ausrichtung, durchschlagender Ruhm versagt.
Heutzutage können die Verwerfungen im tonsprachlich stark divergenten Musikleben vor allem der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entspannter bewertet werden: Der postmoderne Hörer darf Schönbergs Klaviermusik ebenso schätzen wie etwa die Lieder von Richard Strauss, und von letzteren ist es nicht weit zu den Orchesterliedern Joseph Marx’, die, ähnlich wie die meisten von Strauss, zunächst Klavierlieder waren. Marx selbst orchestrierte die Klavierbegleitungen auf äußerst gekonnte Weise unter Verwendung der opulenten spätromantischen Farbenpalette. Seine Harmonik sprengt den tonalen Rahmen niemals, lotet dessen Grenzen aber auf kreative und vielfältige Weise aus. Ebenso wie auch die weit ausgreifende, zu Überschwang und Emphase neigende Melodik entfaltet sich die Harmonik in großer Nähe zum Text; Marx hält sich gern an Gedichte, die Naturbilder in Analogie zu menschlichen Emotionen bringen und schöpft aus deren reicher Bildwelt die Inspiration zu üppigen, plastischen musikalischen Szenerien.
Den ausgesprochen schwelgerischen, mitreißenden und erhebenden Duktus dieser Lieder vermögen Angela Maria Blasi und Stella Doufexis mittels ihrer durchaus ähnlich timbrierten Stimmen optimal in die Praxis umzusetzen: Beide erreichen auf der lyrischen Basis ihres Stimmmaterials einen süffig-honigartigen, warmen Klangstrom, indem sie auf allzu starke Fokussierung der Vokale verzichten; dies behindert zwar bisweilen die Textverständlichkeit, entspricht aber durchaus der oftmals sehr instrumental gedachten Anlage der Kantilenen. Das Ergebnis, so kann unumwunden konstatiert werden, ist ein wahrhaft umwerfendes: Es darf hemmungs- und reuelos geschwelgt werden in den Klangwogen dieser wunderschönen, auf dieser CD hervorragend interpretierten Musik.

Michael Wersin, 16.10.2004



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Musik vom Land, statt Musikland: Wenn man sich die britische Musikgeschichte so anschaut, scheint an tatkräftigen Stimmen aus den eigenen Reihen zwischen Henry Purcell und Edward Elgar ein riesiges Loch zu klaffen. Ein Loch, in dem sich vor allem zugereiste Berühmtheiten tummelten, von Händel und Haydn über Mendelssohn bis Weber – die sich übrigens in London alle pudelwohl fühlten! Die Rede vom „Land ohne Musik“ ist ein geflügeltes Wort, seit Oscar Schmitz 1904 seinen Aufsatz zu […] mehr »


Top