Die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts war für die europäische Opernwelt eine bewegte und perspektivenreiche Zeit: Mozart hatte 1791 mit seiner Zauberflöte dem deutschen Singspiel eine Premiere auf einsamer qualitativer Höhe beschert; Carl-Maria von Webers dreißig Jahre später auf der Taufe gehobener "Freischütz", der als "erste deutsche romantische Oper" gefeiert wurde, sollte als weitere Großtat auf dem Weg zu einem eigenen deutsch-nationalen Opernidiom gefeiert werden. Harte Konkurrenz bot dabei die italienische Oper mit ihrer stupenden vokalen Virtuosität, gebunden an einen sagenhaften Starkult um vergötterte Primadonnen und Kastraten, durch deren eitles Bestreben die Libretti hinsichtlich ihres Sinngehalts ausgehöhlt und auf möglichst spektakuläre Selbstdarstellungsmöglichkeiten hin ausgerichtet wurden.
Der in Bayern geborene Komponist Johann Simon Mayr nimmt zwischen diesen Fronten eine interessante Position ein: Als Wahl-Italiener hatte er sich auch die italienische Opern-Sprache zu eigen gemacht und war in dieser Hinsicht ein direkter Konkurrent Webers. Andererseits hatte er besonders in instrumentatorischer Hinsicht viel von Mozart gelernt, wodurch seine differenzierten Partituren sich wohltuend von der Dutzendware mancher Zeitgenossen und Vorgänger unterscheiden. Seine Version des verbreiteten "Ariodante"-Stoffs wurde unter dem Titel "Ginevra di Scozia" einer seiner populärsten und international erfolgreichsten Opern. Selbstverständlich hatte auch Mayr, der das Stück für die Eröffnung des Opernhauses von Triest im Jahre 1801 komponierte, sich mit den Forderungen erfolgsverwöhnter Gesangsstars herumzuschlagen: Der berühmt Kastrat Luigi Marchesi etwa, der für die Rolle des Ariodante vorgesehen war, bestand auf einem möglichst späten Auftritt mit großem Pomp. Wie extrem Marchesi und die anderen Virtuosen ihre Partien ausgeziert haben, lässt sich kaum nachvollziehen; allerdings legte Mayr nach Mozarts Vorbild viele Koloraturpassagen kompositorisch fest, um ihre Ausgestaltung nicht der Willkür der Sänger zu überlassen.
Tiziano Severini und ein gutes, partiell sogar großartiges Ensemble produzierten die Oper am Ort der Uraufführung und bemühten sich um eine möglichst ursprüngliche Fassung der später immer wieder umgearbeiteten Partitur; die vorliegende Aufnahme ist ein Live-Mitschnitt. Daniela Barcellona als Ariodante begeistert durch ihre Flexibilität, Ausdrucksstärke und stimmliche Brillanz ebenso wie Antonino Siragusa als stählerner, höchst engagierter Bösewicht Polinesso. Kaum zu überzeugen vermag hingegen Elisabeth Vidal in der Titelpartie: Zu angegriffen ist ihre Stimme vor allem in der hohen Lage. Abgesehen davon erfreut die Einspielung durch ein hohes Gesamtniveau, das die Ausreißer weitgehend kompensiert.

Michael Wersin, 22.03.2003



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