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Nikolai Medtner

Lieder

Caroline Vitale, Peter Baur

Real Sound RS 051-0038
(65 Min., 12/2001) 1 CD

Sergej Rachmaninows Zeitgenosse und Landsmann Nikolaj Medtner (1880-1951) hat es nicht zu dauerhafter Präsenz und Popularität gebracht; als Nachkomme deutschstämmiger Einwanderer, in deren Haus deutsche Kultur gepflegt wurde, hatte er es schon in Russland nicht leicht, da er sich mit seinen künstlerischen Maximen niemals nahtlos in die russische Tradition einfügen konnte. Heimatlos blieb er letztendlich aber auch in den Jahren des Exils (ab 1921) mit ihrem Endpunkt London, wo er trotz anfänglicher Anerkennung durch das Publikum zunehmend vereinsamte. Ähnlich wie Rachmaninow war er ein großartiger Klaviervirtuose, und seine Musik scheint vordergründig auch einem ähnlich spätromantisch-elegischem Ideal zu huldigen. Allerdings gibt sich Medtners Musik oft spröder und kantiger, weniger gefällig als diejenige Rachmaninows.
Dies gilt weniger für seine Lieder auf Texte deutscher Dichter: Sie leben von einem harmonisch dichten, ja oft süffigen Klaviersatz voller "Pfefferminz-Akkorde", der die Singstimme nicht nur trägt, sondern auch umhüllt. Medtners Inspiration scheint vom Text aus zunächst in den Klaviersatz geflossen zu sein, und seine symbolistische Deutung der Gedichte, in denen er stets einen transzendenten Hinter-Sinn sucht, führt nicht zu sensiblem Dienst am Detail, sondern bedingt eher große Steigerungspassagen, die Sänger wie Hörer davontragen; man vergleiche dazu etwa seinen "Fichtenbaum" nach Heine mit Edvard Griegs genialer Vertonung oder sein "Veilchen" nach Goethe mit Mozarts bekannter Version. Man könnte Medtners Lied-Stil schlicht als mitreißend und aufwühlend bezeichnen, wären da nicht die Texte, die er mit seiner Musik doch oft in ein eigentümliches Licht taucht. Fast erlösend erlebt man daher seine "Suite-Vocalise op. 41 Nr. 2", in der die Worte einem einzigen Vokal Platz machen, ohne dass die Musik deswegen weniger aussagekräftig wäre.
Caroline Vitale und Peter Baur bieten eine engagierte und kompetente Darbietung dieses seltenen Repertoires; Vitales Stimme ist für einen Sopran recht dunkel, und sie überzeugt den Rezensenten mit ihrer satten Tiefe mehr als mit der etwas unruhigen hohen Lage. Peter Bauer zeigt sich den erheblichen Anforderungen, die Medtners Klaviersätze an den Pianisten stellen, absolut gewachsen. Beiden Künstlern gebührt Dank, dass sie sich dieses skurrile, aber reizvolle Liedschaffen erarbeitet haben, um es einem breiteren Publikum bekannt zu machen.

Michael Wersin, 22.11.2003



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