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Nikolai Medtner

Sämtliche Solo-Klavieraufnahmen von Nikolai Medtner, Vol. 3: Die HMV-Aufnahmen 1947

Nikolai Medtner

Appian/Codaex APR 5548
(62 Min., 3/1947, 9/1947) 1 CD

Es klingt wie ein Märchen: Im Jahre 1946 gründete der indische Maharadscha von Mysore, der Jahre zuvor einige Klavierstücke Nikolaj Medtners kennen gelernt hatte und über die Unbekanntheit des noch lebenden russischen Komponisten und Klaviervirtuosen nachhaltig bestürzt gewesen war, eine Medtner-Gesellschaft. Diese ermöglichte dem 1880 geborenen Medtner u. a., vier Jahre vor seinem Tod im Jahre 1947 noch eine Reihe seiner eigenen Solo-Klavierstücke in den Londoner HMV-Studios aufzunehmen. Es handelt sich dabei um Tondokumente von unschätzbarem Wert, wie die vorliegende CD zeigt (die Folgen 1 und 2 dieser Reihe enthalten frühere Aufnahmen Medtners): Das Klavierspiel dieses seinem Zeitgenossen und Freund Sergej Rachmaninow ohne Zweifel ebenbürtigen Künstlers weist einerseits eine mitreißende Wildheit und dramatische Kraft auf, gibt aber andererseits immer da, wo der zumeist exaltierte, vorwärts drängende Duktus einer beschaulicheren Gestimmtheit weicht, den Blick frei auf fesselnde Zartheit und Delikatesse. Weniger die manchmal etwas vordergründige Brillanz und Geschliffenheit, mit der heutzutage so mancher Pianist aufzuwarten versteht, kennzeichnet die Interpretationen Medtners, sondern vielmehr jenes permanente Getriebensein durch einen kompromisslosen Ausdruckswillen, der auch den Alltag des Meisters recht unbequem machte: In zunehmendem Maße bedrückte ihn eine Überfülle musikalischer Einfälle, für deren Umsetzung ihm sein Leben niemals genügend Zeit ließ, obwohl er sich ohne Rücksicht auf sein materielles Auskommen (von Wohlstand ganz zu schweigen) fast ausschließlich seiner Kunst widmete. Nikolaj Medtner, seiner stilistischen Ausrichtung nach ein "Spätromantiker", der die moderne Musik seiner Zeit rundweg ablehnte, war ein Besessener, dessen üppige, eloquente Tonsprache sein übervolles Herz und seinen beständig fieberhaft arbeitenden Geist auf vortreffliche Weise widerspiegelt. Seine Musik in eigener Interpretation zu hören steigert diesen Eindruck nochmals um ein beträchtliches Maß.

Michael Wersin, 29.01.2005



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