Pures Gold ist die Stimme von Victoria de los Angeles, wie ein warmer Regen überströmt sie den Hörer; die 1923 als Hausmeistertochter in Barcelona geborene Sopranistin verfügt über eines der charakteristischsten und bezauberndsten Timbres, die im 20. Jahrhundert auf Tonträger gebannt worden sind. Dass sie sich in ihrer langen Laufbahn immer wieder an Opernpartien herangewagt hat, die für ihr Material mindestens eine Nummer zu groß waren, spielt für die vorliegenden Aufnahmen spanischer Orchesterlieder keine Rolle; als einziges anderes Problem macht sich auch in diesem Rahmen ihre manchmal zu tiefe Intonation störend bemerkbar.
Spanische Liedliteratur war eines der Steckenpferde von Victoria de los Angeles; mit dieser europaweit in ihrer Fülle immer noch nicht allzu populären Musik pflegte sie, sich bei Zugaben bisweilen sogar selbst auf der Gitarre begleitend, ihr Publikum bei Liederabenden zu höchster Begeisterung zu bringen. Weniger noch als die spanischen Klavierlieder zählen die Orchesterlieder Granados’, Rodrigos und der anderen hier repräsentierten Komponisten zum Standardrepertoire. De los Angeles eröffnet dem Hörer als intime Kennerin dieser Musik eine ganz eigene Welt voller zärtlicher, einschmeichelnder, oftmals melancholischer oder herzzerreißend trauriger Melodien und Stimmungen - eine CD zum Entspannen, Genießen und Träumen, die am Ende noch eine Lektion zum Thema Gesangstechnik und Haushalten mit den eigenen Ressourcen bereit hält: Victoria de los Angeles ging auf die 70 zu, als sie 1992 ein Lied Xavier Montsalvatges als Soundtrack für die Abschlusszeremonie der Olympischen Spiele in Barcelona aufnahm. Ihre Stimme wies zu diesem Zeitpunkt nach einer langen, wie oben angedeutet auch nicht gerade in Schonhaltung verbrachten Karriere offenbar keinerlei Ermüdungserscheinungen auf; man glaubt, die Stimme einer jungen Frau zu hören.

Michael Wersin, 25.09.2004



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