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Christoph Graupner

Drei Bass-Kantaten, Suite in B-Dur

Klaus Mertens, Accademia Daniel

Hr-Musik/Note 1 hrmk 005-01
(72 Min., 10/2000) 1 CD

Als Johann Sebastian Bach im Jahre 1723 das Leipziger Thomaskantorat antrat, war er dort nicht der eigentliche Wunschkandidat: Abgesagt hatte zunächst u. a. der bevorzugte Christoph Graupner, der lieber am Darmstädter Hof bleiben wollte. In punkto Gottesdienstmusik, das wird beim Hören der vorliegenden CD deutlich, hätte Graupner den Leipzigern keine leichter verdauliche, “aufgeklärtere” Kost geliefert. Seine Kantaten sind auf ähnlich strukturierte Texte komponiert wie diejenigen Bachs, bestehend aus Choralstrophen und madrigalischer, auf zahlreichen Bibelzitaten basierender Dichtung. Graupners Musik tendiert ebenfalls nicht unbedingt zu nachbarocker Vereinfachung: Die Melodik geht ähnlich verschlungene Wege wie diejenige Bachs, harmonische Überraschungen und Härten - eng verbunden mit der Aussage des vertonten Textes - sind keine Seltenheit. Musikalische Rhetorik also nach überkommener Tradition; der Unterschied zur Musik Bachs ist eher ein qualitativer: Melodik, Harmonie und Rhythmus verbinden sich nicht zu jenem in sich überaus organischen, im Verlauf wie selbstverständlich immer logischen Ganzen, mit dem Johann Sebastian Bach seine Hörer stets fesselt. Graupners Motive erreichen zudem selten eine das Nachsingen unmittelbar anregende Prägnanz.
Das schmälert allerdings kaum den Wert der vorliegenden Veröffentlichung: Der Bariton Klaus Mertens, in der Alte-Musik-Szene einer der versiertesten und präsentesten Sänger der Gegenwart, hat sich mit Graupners bisher weitgehend unveröffentlichtem Kantatenschaffen selbst vor Ort - d. h. im Darmstädter Schloss, wo die Noten wegen Nachlass-Streitigkeiten seinerzeit verblieben sind - intensiv beschäftigt und drei der weit über 1000 Werke für diese Aufnahme ausgewählt. Mertens’ warm-sonores, unverwechselbares Stimmmaterial und seine umfassende Erfahrung mit barocker Vokalmusik machen diese Einspielung zu einem interpretatorischen Erlebnis erster Güte.

Michael Wersin, 13.12.2003



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