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Christoph Graupner, Johann Friedrich Fasch, Johann Melchior Molter

Die Kunst der Imitation

Antichi Strumenti

Stradivarius/harmonia mundi STR 33632
(65 Min., 10/2002, 11/2002) 1 CD

In der Musik der Renaissance und des Barock spielt der kunstvolle imitatorische Satz eine wichtige Rolle: Bereits im 15. Jahrhunderten überboten sich die Besten unter den Komponisten mit später so genannten "Kanonkünsten", indem sie etwa einzelne Messsätze so komponierten, dass sich z. B. ein mehrstimmiges Satzgefüge aus einer einzigen Stimme ergibt, wenn diese gleichzeitig in verschiedenen Geschwindigkeiten gesungen wird. Beliebt war es, die Auflösung (Resolutio) eines solchen polyphonen Mysteriums zu verrätseln und den Interpreten zur Entschlüsselung lediglich ein paar in poetische Worte gefasste Hinweise an die Hand zu geben.
Mit dem Ausklingen des Barockzeitalters schließlich brandet der immer wieder untergründig schwelende Protest gegen eine ausgeklügelt polyphone vertikale Durchstrukturierung des Satzes noch einmal auf: Diese Art des Komponierens gilt als endgültig veraltet, das Augenmerk richtet sich eher - wie in analoger Weise schon einmal am Beginn der Barockzeit - auf eine expressive Melodik, die sich über vergleichsweise einfachem Begleitsatz ungehindert entfalten kann. Zu den letzten Vertretern der traditionellen Kanonkünste gehörte in jener Zeit neben Johann Sebastian Bach auch Christoph Graupner (1683-1760), der sich etwa der Ausarbeitung eines gewaltigen Corpus von 5625 vierstimmigen Kanons aus einem einzigen Thema hingab und in seiner letzten Schaffensphase noch vier Triosonaten für zwei Violinen und Basso Continuo schuf, die auf unterschiedliche Weise die Möglichkeiten des imitatorischen Satzes intensiv ausloten.
Diese vier Trios hat das Ensemble Antichi Strumenti eingespielt, aufschlussreich ergänzt u. a. durch zwei Triosonaten von Zeitgenossen Graupners - ein dankenswertes Unterfangen, denn die in der Tat sehr hörenswerten Stücke haben bislang nur wenig Beachtung gefunden. Leider bieten die auf historischen Instrumenten spielenden Musiker auf dieser CD qualitativ nicht das, was ihr ambitioniertes Engagement für eine musikgeschichtliche Nische erhoffen lässt: Besonders Gerd-Uwe Klein und Laura Toffetti, die als Interpreten der beiden Violinpartien einerseits vielfach durchaus beachtliche Geläufigkeit sowie die Fähigkeit zu schlüssiger und differenzierter Artikulation unter Beweis stellen, verwundern andernorts immer wieder durch spieltechnische Ungeschicklichkeiten wie verrissene Töne oder ungenaue Intonation. Insgesamt ergibt sich für den Hörer kein über weitere Strecken ungetrübter Genuss - schade: Die Stücke wären es wert gewesen, dass man zumindest die eine oder andere Unebenheit während der Aufnahmesitzungen korrigiert hätte. Im Beiheft, das mit einem kompetenten Artikel des Musikwissenschaftlers Peter Cahn eigentlich vorbildlich ausgestattet ist, befremden außerdem die vom Cellisten Tobias Bonz formulierten "sieben Fragen zum Nachdenken über einen noch nicht sehr erforschten Komponisten" durch ihren teils etwas konfusen, teils arg mystifizierenden Inhalt.

Michael Wersin, 25.09.2004



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