Auf einem Schemel kauert Neil Shicoff. Langsam entledigt er sich seiner Schuhe, zieht er sich nach und nach bis auf Hemd und Hose aus und faltet alles ordentlich zusammen. Es ist der vierte Akt und einer der Höhepunkte in Jacques Fromental Halévys "La Juive". Dieser 1835 in Paris uraufgeführten Grand Opéra, die zu den berühmtesten Unbekannten ihrer Gattung zählt. Bis zur nationalsozialistischen Machtübernahme stand dieses Opern-Mahnmal für den Konflikt zwischen Christentum und Judentum mitsamt der brutal-antisemitischen Fratze. Seitdem hat es "La Juive" auf den Opernbühnen schwer, sich ins Repertoire zurückzuspielen. Was nicht nur angesichts des scheinbar zeitlosen Stoffs verwundert, in der ein jüdischer Goldschmied und seine Tochter Rachel in den Tod geschickt werden. Nun aber hat gerade der Figur des Kaufmanns Eléazar ein Mann soviel schauspielerische und sängerische Intensität verliehen, dass man an diesem bedrückenden Meisterwerk nicht mehr vorbeikommen kann: der amerikanische Tenor Neil Shicoff!
In der Wiener Inszenierung von Günter Krämer, die ihre Premiere 1999 hatte und 2003 wieder aufgenommen wurde, ist Shicoff mehr als nur ein Interpret. Er fiebert bis zur Zerrissenheit, in seiner Stimme und seinem Gesicht ist die Katastrophe voraussehbar, ohne dass sie mit schluchzender Sentimentalität angekündigt würde. Wie eben in der berühmten Arie "Rachel, quand du Seigneur la grâce tutélaire!" des 4. Aktes, in der Eléazars abgrundtiefe Verzweiflung mit Händen zu greifen ist. Und die noch verstärkt wird, wenn Shicoff, der Sohn eines Kantors, leise und vorsichtig Kaddish-Farben hineinmischt. Zum Glück war hier Günter Krämer klug genug, Shicoff die Bühne ganz zu überlassen. Überhaupt haben Krämer und sein Team diesmal auf die Überfrachtung von Symbolik und aktuellem Zeitkolorit verzichtet. Weshalb dem Ensemble hinter Shicoff gleichermaßen genügend Luft zum Atmen blieb, um in den wuchtigen Arien und romantischen Innenspannungen überhaupt bestehen zu können.

Guido Fischer, 05.02.2005



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