Alban Bergs Wozzeck in einer Produktion der Wiener Staatsoper aus dem Jahre 1955, die innerhalb der Festwochen zur Wiedereröffnung des Hauses über die Bühne ging: Ein Tondokument allerersten Ranges, zumal mit Karl Böhm ein Dirigent am Pult stand, der dieses Werk bereits 1931 (in Darmstadt) erstmals einstudiert und aufgeführt hatte, damals noch in Gegenwart des Komponisten. Böhms intime Vertrautheit mit dieser in den Fünfzigern immer noch äußerst modernen Musik garantiert das grundsätzlich sehr hohe Niveau auch der vorliegenden Live-Version aus dem Archiv des Österreichischen Rundfunks (deren Klangqualität nach erfolgter gründlicher Überarbeitung übrigens hervorragend ist); Bergs Tonsprache entfaltet ihre Wirkung auf den Hörer wie selbstverständlich mit einer packenden Eindringlichkeit, die - so war es auch Bergs Absicht - die höchst artifizielle und komplexe Faktur der Partitur zu Gunsten der prägnanten Vermittlung des Innenlebens der Personen vergessen lässt.
Als kongenial zu Böhms dirigentischer Kompetenz ist die Interpretationsleistung des damals 26-jährigen Walter Berry in der Titelpartie zu betrachten: Er scheint den Wozzeck förmlich in sich aufgesogen zu haben und stellt ihn mit einer Unmittelbarkeit und Hingabe dar, die Fischer-Dieskaus zweifellos höchst differenzierte Studioversion von 1965 (DG, auch unter Böhm) in puncto Verschmelzung mit der Figur bei weitem übertrifft. Allerdings will diese faszinierend rückhaltlose Identifikation mit der Rolle nicht zu Christel Goltz’ Verkörperung der Marie passen: Letztere vertritt mit ihrer im Vergleich keineswegs Pathos-freien, einem Bühnen-Habitus verpflichteten Art der Interpretation ein ganz anderes, älteres (Musik-)Theater als der für damalige Verhältnisse revolutionär agierende Berry.
Das Label Andante bietet als Begleitmaterial zwei Essays über die Oper sowie ein Vorwort des Musikjournalisten Tim Page und eine kleine Einführung des Produzenten Gottfried Kraus; dieses Mehr an Hintergrundinformation und die insgesamt opulente Ausstattung rechtfertigt vielleicht den hohen Ladenpreis des Produkts, wobei die Frage gestellt werden könnte, ob der Wozzeck-Neuling, der von den solide einführenden, aber nicht übermäßig vertiefenden Essays profitieren kann, trotz aller unmittelbaren Bühnen-Präsenz in diesem Tondokument nicht mit einer der im Studio "designten" Einspielungen wie der schon erwähnten unter Böhm oder derjenigen unter Boulez (Sony, ebenfalls mit Berry) einen noch umfassenderen Eindruck von der Oper gewinnen kann. Welchem Zielpublikum dieses Produkt als Ganzes also entspricht, bleibt ein wenig offen; dass der Mitschnitt in so brillanter akustischer Gestalt veröffentlicht wurde, ist hingegen ein großer Gewinn für die Wozzeck-Diskographie.

Michael Wersin, 30.10.2004



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