Responsive image
Stephen Hartke

Tituli, Cathedral In The Trashing Rain

Michelle Makarski, Lynn Vartan, Javier Diaz, Hilliard Ensemble, Donald Crockett

ECM/Universal 476 051-2
(60 Min., 2/2003) 1 CD

Mit seinen 53 Jahren ist der Amerikaner Stephen Hartke in seiner Heimat ein durchaus vielbeachteter Komponist. Auf europäischen Festivals für Neue Musik hingegen tauchen seine Werke kaum auf. Nimmt man die Einspielung von zwei Vokal-Kompositionen als Orientierung, ist Hartke mehr der gezähmten Moderne zuzurechnen, die ein Höchstmaß an Melos mit subkutan lauernder Eindringlichkeit und Gereiztheit kombiniert. Dass Hartke nun den siebenteiligen Zyklus "Tituli" sowie das A-cappella-Poem "Cathedral in the Trashing Rain" auf den glänzenden wie wendigen Klangkörper des Hilliard Ensembles maßgeschneidert hat, ist keine große Überraschung. Denn so wie das Hilliard Ensemble die Tonsprachen vom Mittelalter bis zur zeitgenössischen Musik mit einer stimmlichen Homogenität und detailgenauer Sensibilität beherrscht, so schlägt Hartke einen mächtigen Bogen über viele Jahrhunderte hinweg.
"Tituli" für fünf Sänger, Violine und Schlagwerk basiert auf Inschriften, die bis ins 7. Jh. v. Chr. zurückreichen. Die in lateinischer und etruskischer Sprache gehaltenen Textfragmente reichen dabei vom Abschied eines achtjährigen Jungen bis zu Kriegsberichten. Stephen Hartke entwickelt hieraus einen archaischen wie kontemplativen Zauber, der Vokalsatz reicht von homophon gestalteter Intensität bis wohldosiert auseinander treibenden Prozessen. Mit den perkussiven Setzungen und den fragilen Proportionen in der Violine-Stimme entsteht so ein poetischer Minimalismus, der eine entfernte Nähe zu Carl Orff und zu Luciano Berios "Folksongs" besitzt. Das knapp 20-minütige "Cathedral in the Trashing Rain" folgt dagegen einem Text des Japaners Takamura Kotaro, der seine Eindrucke von der Pariser Notre-Dame-Kathedrale festgehalten hat. In der englischsprachigen Übersetzung kann das Hilliard Ensemble sein ganzes Können entwickeln, bis hin zur klangidealen Reinheit. Doch selbst das kultivierteste Engagement kann diese etwas altmeisterlich in sich ruhende Komposition nicht unbedingt weiter empfehlen.

Guido Fischer, 13.03.2005



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Musik vom Land, statt Musikland: Wenn man sich die britische Musikgeschichte so anschaut, scheint an tatkräftigen Stimmen aus den eigenen Reihen zwischen Henry Purcell und Edward Elgar ein riesiges Loch zu klaffen. Ein Loch, in dem sich vor allem zugereiste Berühmtheiten tummelten, von Händel und Haydn über Mendelssohn bis Weber – die sich übrigens in London alle pudelwohl fühlten! Die Rede vom „Land ohne Musik“ ist ein geflügeltes Wort, seit Oscar Schmitz 1904 seinen Aufsatz zu […] mehr »


Top