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Michael Haydn

Requiem c-Moll MH 559, Missa Sancti Joannis Nepomuceni MH 182

Kammerchor Cantemus, Deutsche Kammerakademie Neuss, Werner Ehrhardt

Capriccio/Delta Music 71 084
(63 Min., 11/2005) 1 CD

Da staunt der Laie, und es wundert sich der Fachmann: Ein neu entdecktes drittes Requiem Michael Haydns im Jubiläumsjahr? Das wäre sensationell, aber Pustekuchen - das Label Capriccio hat sich leider ein Kuckucksei ins Nest legen lassen. Der selbsternannte "Musikforscher" Olaf Krone, im Hauptberuf Informatiker, musikjournalistisch tätig für das Magazin "Concerto", lässt sich im Beiheft der vorliegenden Aufnahme als "Wiederentdecker" des fraglichen Requiems würdigen. Schon das ist falsch: Charles H. Sherman war bereits im Rahmen seiner Dissertation über die Messen Michael Haydns (1967) auf dieses Werk gestoßen und hat es als "MH 559" in sein Michael-Haydn-Werkverzeichnis aufgenommen. Die Aufnahme wird außerdem als "Weltpremiere" angekündigt. Auch das ist falsch: Zumindest eine frühere Einspielung gibt es, diejenige nämlich von Peter Scholcz und dem Liszt Ferenc Chorus aus dem Jahre 1998. Aber es kommt noch schlimmer: Bereits 1999 wies Dr. Petrus Eder OSB, Bibliothekar im Salzburger Stift St. Peter und Michael-Haydn-Spezialist, die Unechtheit des angeblichen Haydn-Requiems MH 559 nach: Es handelt sich tatsächlich um eine Komposition von Georg Pasterwiz OSB (1730 - 1803), die Haydn lediglich abgeschrieben und merkwürdigerweise immerhin auch mit seinem Namen versehen hat. Allerdings kopierte er das Werk unvollständig: Es fehlt der Introitus, und ebendieser findet sich in einigen anderen Partituren und Stimmsätzen desselben Stücks, die korrekt unter dem Namen des wahren Komponisten überliefert sind. Kein Wunder also, dass es unter dem Namen Michael Haydn "nirgends auf der Welt zeitgenössische Kopien" dieser Totenmesse gibt und dass sie angeblich "niemals aufgeführt" wurde, wie Olaf Krone in seinem Beihefttext behauptet: Freilich wurde das Stück unter Haydns Namen niemals kopiert oder aufgeführt, denn es war ja gar nicht sein Werk, wohl aber häufig unter dem Namen von Georg Pasterwiz, der es tatsächlich komponierte: Es existiert u. a. sogar ein gedruckter Stimmensatz.
Wie kommt es zu einer solchen Schlappe im Michael-Haydn-Jahr? Durch mangelhafte Recherche - traurig aber wahr: Petrus Eder veröffentlichte seine Erkenntnisse 1999 in einem Aufsatz (KmJb 83/1999). Dieser Aufsatz ist in der Bibliographie des Michael-Haydn-Artikels in der neuen MGG (Bd. 8) aufgeführt. Das Werkverzeichnis dieses Artikels stammt ebenfalls von Petrus Eder; er vermerkte MH 559 dort als "unecht". Am Telefon auf diese Fakten angesprochen, bekannte Olaf Krone ohne Scheu, er habe die neue MGG gar nicht konsultiert, darin gebe es ja so viele schlechte Artikel, und er kenne auch Eders Aufsatz nicht. Weitere Ungereimtheiten: Krone äußerste gegenüber dem Autor, der Carus-Verlag plane im Rahmen seiner Ausgabe der Geistlichen Werke Michael Haydns sicher auch die Edition des Requiems MH 559; die Rücksprache mit der zuständigen Lektorin ergab jedoch, dass bei Carus nicht das Geringste davon bekannt ist. Über Krones laienhafte, teils schlichtweg unverständliche Äußerungen zur Musik des Requiems im Beiheft schweigen wir lieber. Warum man aber seitens der Ungarischen Nationalbibliothek (dort liegt Haydns Abschrift), wo Petrus Eders Aufsatz ohne jeden Zweifel vorliegt (man reagierte seinerzeit bereits darauf), für die Vorbereitung der vorliegenden CD-Produktion mitverantwortlich zeichnet, ist völlig unerklärlich.
Und das Requiem von Pasterwiz? In der Tat ein schönes Stück, trefflich musiziert auf dieser CD; Man müsste nur Cover und Beiheft ändern, vielleicht den fehlenden Introitus noch aufnehmen - und sich in Zukunft von wirklich kompetenten Fachleuten beraten lassen.

Michael Wersin, 09.04.2006



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