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Vagn Holmboe

Die Sinfonien (Nr. 1 - 13)

Aarhuser Sinfonietta, Owain Arwel Hughes

BIS/Disco-Center CD-843/846
6 CDs

Schon unzählige Male wurde die Sinfonie in unserem Jahrhundert totgesagt. Komponisten, die ungeachtet aller Unkenrufe dieses Genre pflegen und bereichern, werden gern als „letzte Sinfoniker“ klassifiziert – mittlerweile eine äußerst individuenreiche Gattung. Auch der Däne Vagn Holmboe, der im September 1996 im Alter von sechsundachtzig Jahren verstarb, schrieb mit Vorliebe Sinfonien – dreizehn an der Zahl, hinzu kommen noch weitere sinfonische Werke ohne Numerierung. Holmboe studierte in Kopenhagen und später bei Ernst Toch in Berlin. Den Durchbruch errang er 1939 mit seiner Zweiten Sinfonie. Bei uns ist er noch wenig bekannt, in Skandinavien, England und den USA hingegen äußerst geschätzt; ein englischer Kritiker nannte seine Sinfonien die „vielleicht besten seit Sibelius und Nielsen“.
Diese beiden Namen bieten sich auch zuerst an, wenn man Holmboes Tonsprache zu charakterisieren trachtet. Er gehört nicht zu der Sorte Sinfoniker vorwiegend deutsch-österreichischer Provenienz, die in ihren Werken, wie Gustav Mahler, „eine Welt erschaffen“ wollen. Im Vordergrund stehen strenge motivische Arbeit und logisch-organische Entwicklung. Holmboes Prinzip der „Metamorphose“ besteht in der allmählichen Umwandlung einer thematischen Gestalt.
Von den Neuerungen der zweiten Jahrhunderthälfte bleibt Holmboe im wesentlichen unberührt, wenn er auch gelegentlich die Grenzen der Tonalität überschreitet. Seine Werke sind hervorragend gearbeitet und gekonnt instrumentiert, von vorwiegend neoklassischem Charakter, jedoch nicht neoklassizistisch im Sinne der zwanziger Jahre.
In den ersten acht Sinfonien bewegt sich Holmboes Stil in einem vorwiegend modalen Rahmen, sicher beeinflusst durch die dänische Folklore. Darin liegt auch die teilweise Schwäche dieser Werke. Trotz aller klug geformten Spannungsbögen bleibt die Melodik stets im jeweiligen Modus gefangen, mäandert hin und her und kommt trotzdem nicht vom Fleck. Es findet wohl eine motivische Transformation statt, der melodische Duktus bleibt jedoch stets gleich und wirkt auf Dauer ermüdend. Auch fehlt den vielen Steigerungen und Ausbrüchen der frühen und mittleren Sinfonien die innere Notwendigkeit, die etwa parallele Stellen bei Schostakowitsch – an den diese Musik bisweilen erinnert – so zwingend gestaltet. Dies gilt für die ersten acht Sinfonien, mit Ausnahme der Siebten, einer sehr konzisen und überzeugenden einsätzigen Komposition.
Nach Vollendung der Sinfonie Nr. 8 im Jahre 1951 ließ sich Holmboe sechzehn Jahre Zeit, bevor er mit der Neunten begann. Wenn sich Holmboes Tonsprache in dieser langen Zeit auch nicht grundlegend änderte, so klingen seine letzten fünf Sinfonien doch wesentlich reifer, variationsreicher und farbiger als früher. Die Sinfonie Nr. 9, in der drei kraftvoll bewegte, dramatische Satzgebilde zwei fein gesponnene Streicherintermezzi umschließen, gehört für mich zu den packendsten und persönlichsten Sinfonien Holmboes – ebenso wie Nr. 11 (1980) in drei Sätzen, heiter, anmutig und abgeklärt, zeitgenössische Sinfonik ohne Materialschlachten. Die Aufnahmen entstanden unter der Ägide des Komponisten (er schrieb seine Dreizehnte 1994 auf Anregung des Dirigenten dieser Gesamteinspielung) und bewegen sich musikalisch wie technisch auf sehr hohem Niveau. Für Liebhaber skandinavischer Sinfonik ist der Zyklus ein Muss; ansonsten empfiehlt es sich, mit einer Auswahl aus Holmboes reichhaltigem sinfonischem Werk zu beginnen – die CDs sind alle einzeln erhältlich.

Thomas Schulz, 31.01.1997



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